75 Survivors – 75 Leben für die Zukunft

Naftali Furst, Essen 21.01.2020 @ Peter E. Rytz

Gerade in diesen Corona-Tagen führt die Erinnerung an die am Wochenende schließende Ausstellung Survivors. Faces of Life after the Holocaust im Ruhr Museum Essen zu einer bemerkenswerten Evidenz. Die Portraits von 75 Holocaust-Überlebenden des Fotografen Martin Schoeller sind unvergleichliche Zeugnisse ihres Überlebenskampfes und -willens.

Ohne vermessen sein zu wollen, im klaren Bewusstsein der Einzigartigkeit der von diesen Holocaust-Survivors ertragenen Grausamkeiten durch das nationalsozialistische Terrorsystem, könnten spätere Generationen im Rückblick auf die Opfer der Pandemie 2020 Zeitzeugen befragen, wie es für sie möglich war, einem zwar unsichtbaren, gleichwohl das Leben über Wochen (vielleicht sogar Monate und länger?) bedrohenden Virus zu widerstehen.

Analytisch salopp könnte man eine Laborsituation konfigurieren, dass in beiden Fällen Menschen in lebensbedrohende, allerdings unter humanistischen Aspekten in explizit konträre Lebenssituationen gezwungen worden sind. Mit einem essentiell entscheidenden, zivilisatorischen Unterschied. Das Nazi-Regime organisierte die systematische Vernichtung des Lebens der Juden. Überlebende waren nicht Teil dieses unmenschlichen Plans. Umgekehrt, im krassen Gegensatz zu dieser Menschenverachtung und Brutalität stehen die politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen heute weltweit gemeinsam mit der Bevölkerung in einem Sozialpakt bei der Bekämpfung der Pandemie zusammen, um mit aller Anstrengung Menschenleben zu retten.

Insofern kann Survivors. Faces of Life after the Holocaust gerade auch in Erinnerung an die bis vor wenigen Wochen öffentlich zu sehende Ausstellung etwas von dem einzigartigen Wert jedes einzelnen Lebens mit einer größeren Nachdenklichkeit als bis dahin in Erinnerung rufen. Gleichzeitig sind die Medien in einer besonders sensiblen Verantwortung, diese im Rahmen der täglich kommentierten Statistiken von Erkrankten und Toten jenseits eins Aufmerksamkeit heischenden Journalismus zu wahren. Wahrung des Lebens, keine Spekulationen über Gesunde und Überlebende.

Schoellers 75 Portraits, 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee – seit 1996 ist der Tag der Befreiung am 27. Januar ein bundesweit gesetzlich verankerter Gedenktag! – machen unvergleichlich, möglicherweise auch zu einem der letzten Male bewusst, wie Menschen, die heute leben, dem grausamen Vernichtungswillen der Nazis nicht mehr als die nackte Stirn zu bieten hatten und trotzdem überlebten.

In den für Schoeller typischen Close-Up-Porträts in frontaler Nahaufnahme schauen die Fotografierten (Jahrgänge 1920 bis 1940) dem Betrachter direkt in die Augen. Gesichter, in denen das außergewöhnliche Leben seine Spuren hinterlassen hat, unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von Menschen vergleichbarer Jahrgänge.

Erst die unter jedem Porträtfoto angebrachte Tafel mit Name, Geburtsdatum und Aufenthaltsort während des Holocausts sowie der jetzige Aufenthalts- und Lebensort der abgebildeten Person lassen Leiden und Qualen hinter ihnen aufscheinen. Jedes Portrait verwandelt sich zu einer Pietà des Erinnerns, einem Memorial der Erinnerung, einem Weckruf an das Leben. Was den allermeisten Portraits dabei fehlt, ist eine Pietà typische Haltung von Beweinung und grenzenloser Trauer. Vielmehr vermittelt jedes Foto andächtige Momente, die einem Gedenken verpflichtet sind, dass das, was sie erleben mussten, nie wieder passieren darf.

Schoellers Close-Up-Technik evoziert mitunter einen manierierten Pathos und eine gewisse Heroisierung, die sich angesichts der Biografien der Survivors gleichzeitig jeder Kritik entziehen muss. Wie weit fotografische Replik und lebendige Authentizität sich unterscheiden, kann nicht mehr belegen, als die eindringlich mahnenden, als auch warmen und herzlichen Worte, die Naftali Furst (Jahrgang 1932) zur Eröffnung der Ausstellung sprach. Ihnen lauschend, Furst sich dabei immer wieder vergewissernd – ja, da steht jemand vor uns, der das Unsagbare unprätentiös sagt -, bleibt auch nach der Ausstellung, die von Essen weltweit auf Tour gehen wird, in Erinnerung.

Dass die Ausstellung in Kooperation mit Yad Vashem – The World Holocaust Remember Center von der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn verantwortet, unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin Angela Merkel steht und von ihr am 21. Januar eröffnet wurde, ist ein politisches und humanistisches Bekenntnis für die uneingeschränkte Universalität der Menschenrechte.

It is our obligation, in the name of the men, women and children who were murdered, to keep telling our stories, formuliert Furst stellvertretend für alle.

25.04.2010

(geschrieben 75 Jahre nach dem Tag, an dem sich Amerikaner und Russen bei Torgau an der Elbe trafen und den nationalsozialistischen Terror militärisch beendeten)

Über Peter E. Rytz Review

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