Bechtold – eine Prise Lebenslust

Erwin Bechtold
Installationsansicht MKM Museum Küppersmühle, Duisburg, 2020
© Erwin Bechtold
Foto: Henning Krause

Ideen sind gut, sie umsetzen ist besser. So lautet das Credo der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn. Ausstellung real ist besser als Ausstellung online. Allegorie der Lebenswirklichkeit im Frühjahr 2020. Nach Corona bedingter Abstinenz ist die Ausstellung Bechthold im MKM Museum Küppersmühle für moderne Kunst, Duisburg wieder geöffnet (vorerst geplant noch bis 24.Mai 2020). Mit Mundschutz sowie inzwischen routiniert akzeptiertem Social Distancing (ver)führen endlich wieder Schritte und Blicke in die Wunder- und Traumkammern eines Kunstmuseums.

Wie Erwin Bechtold in und mit seiner Malerei seit mehr als sechs Jahrzehnten von Ibiza aus auf der Suche nach Freiheit ist und stets auf ihrer Spur, geriert sich der Ausstellungsbesuch zu einer meditativen Transition vom virtuellen Stand-by in die zwischen Rationalität und Emotionalität kontrastierende Farbfelder-Welt des Menschen Bechtold. Als Künstler reflektiert und sinniert er über das Gleichgewicht des Menschen in der Natur. Der Titel einer Ausstellung 2006 in der Galeria Altair in Palma de Mallorca – Wie war das? Wie ist das? – bringt den Gestus seiner malerischen Interventionen auf den Punkt.

Frühzeitig, im beginnenden Wirtschaftswunder der 1950er Jahre entscheidet sich Bechtold gegen das Familienunternehmen einer prosperierenden Druckerei mit konsequenter Radikalität und für ein Leben als freier Künstler. Offenbar eine in jeder Hinsicht gesunde Entscheidung. Im April feierte Bechtold seinen 95. Geburtstag. Bis heute jeden Tag im Atelier zu verbringen, ist für ihn ein bewegendes Gefühl – ein sicherer Garant kreativer Lebendigkeit, der ihn bis zum heutigen Tag trägt.

Wie sein Œuvre weltweit präsent ist, belegen private und Museumssammlungen, beispielsweise  von Tate Gallery London, Museum Ludwig Köln, Kunstmuseum Bern bis Museum of Contemporary Art Tokio. Werke aus der Sammlung Ströher des MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst reihen sich fast wie selbstverständlich darin ein. Aber auch kleinere Häuser wie in Ahlen oder in Rastatt können sich rühmen, Bechtold-Arbeiten zu besitzen.

Mit dem Eintritt in das Bechtold-Universum legt sich über den Besucher ein sanfter Schleier, wie aus Gelassenheit gewebt. Zwischen den zumeist großformatigen Leinwänden in ihrer Ambivalenz von Ordnung und Unordnung wandelnd, ist man irritiert und überrascht zugleich. Das Vokabular von Linie und Winkel, die Fläche und Raum als Konstruktionsprinzip immanent sind, erhellt, was man eigentlich aus der Erfahrung weiß, sich jedoch einer unmittelbar abrufbaren Wahrnehmung häufig entzieht. Die Farbe Schwarz, wie beim näheren Betrachten sichtbar wird, enthält in ihrer substantiellen Kontrastierung mit dem partizipierenden Weiß und helleren Farbtönen das gesamte Farbspektrum der realen Welt. Wo, wie in Ibiza, viel Licht ist, ist immer auch viel Schatten. Wie im richtigen Leben….

Erwin Bechtold
Thema Winkel Fläche Raum, 1990
Acryl auf Leinwand
3teilig, gesamt 195 x 504 cm
MKM Museum Küppersmühle, Duisburg, Sammlung Ströher
© Erwin Bechtold / Foto: Henning Krause

Insofern ist es konsequent, dass die Bezeichnungen der Werke keiner unmittelbar realistischen Imagination geschuldet sind, sondern wie aus einem architektonischen Baukasten entlehnt erscheinen. Thema Winkel/Fläche/Raum, 1990, Thema Fläche und Rand, 1979 oder Zum Thema Fläche in der Fläche, 1999 bezeichnen einen Bauplan, der sich über Linien und Flächen ins Mikroräumliche erhebt. Betrachtet man Geteiltes Winkelbild, 2003 aus der Nähe wird sichtbar, wie mit der geschwärzten Leinwand im Ausschnitt unter einer rotfarbigen ein Raum entsteht.

Erwin Bechtold
Incisión azul, 2004
Acryl auf Leinwand
106 x 94 cm
Galerie Gisela Clement
© Erwin Bechtold / Foto: courtesy Galerie Gisela Clement

Wollte man Bechtolds malerisch ausdifferenzierte Weltwahrnehmungsperspektiven zutreffend kurz und konkret beschreiben, genügten allein schon die thematischen Werkreihen Incisión, Discordia und Movimiento aus den beginnenden 2000er Jahren. In Incisión azul, 2004, mit Discordia 2, 2007 oder Movimiento 6, 2010 gewinnen Unkontrolliertes und Spontanes in der Ambivalenz von Ordnungsgegensätzen eine prototypische Form. Das Rational-Geometrische trifft auf menschliches Bewusstsein und menschliche Unvollkommenheit, beschreibt Bechtold den Kontrast-Movens seiner Malerei im Gespräch mit dem Direktor Walter Smerling. Das Gespräch ist im grafisch Bechtolds Malgestus nachhaltig reflektierenden, anspruchsvoll gelayouteten Katalog neben weiteren, gut lesbaren, kommentierenden Texten abgedruckt.

Ein Besuch der Ausstellung verspricht eine Prise Lebenslust, deren helles Licht von Ibiza bis nach Duisburg schimmert.

13.05.2020

 

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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