Wo die Zukunft beginnt

Rudolf Holtappel, Marktstraße, Oberhausen, 1971 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Kaum eine Region hat in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einen so dramatischen Strukturwandel erlebt wie das Ruhrgebiet. Nüchtern als Wechsel von einer montanbestimmten zu einer kulturbestimmten Region in Werbe- und Tourismusbroschüren gebetsmühlenartig beschrieben, lässt höchstens erahnen, was das für die Bewohner im Einzelnen bis heute bedeutet.

Die Realität des Ruhrgebiets ist von unzähligen Schwarz-Weiß gemalten Phantasien geprägt. Die Wahrnehmung von außen ist häufig eindimensional bis surreal und über wenig reflektierte Vorurteile definiert. Mitte der 1960er Jahre, als die Schließung der Bergwerke und der damit einhergehende Niedergang der Stahlproduktion eingeläutet wird, fotografiert Rudolf Holtappel (1923 – 2013) fünf geschlachtete und gerupfte Gänse auf einer Leine. Darunter schreitet ein sehr lebendiges Huhn über die Wiese. Er, der seit 1960 in Oberhausen wohnt, titelt selbstbewusst: Die Zukunft hat schon begonnen.

Treffender könnte die Überschrift für die erste Ausstellung nach der dreimonatigen Corona bedingten Pause in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen kaum sein (noch bis 06.09.2020). Diese Schau bildet eine kleine, aber wirkmächtige Zäsur in der Ausstellungsprogrammatik des Hauses. Mehr als 360.000 Einzel-Negative und Diapositive sind als Geschenk der Holtappel-Nachlassverwaltung nach Oberhausen gekommen. Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen ist eigentlich ein Ausstellungshaus, dem es unter der engagierten Direktorin Christine Voigt seit 2008 immer wieder gelingt, hochkarätige Sammlungen mit dem Schwerpunkt Fotografie nach Oberhausen zu holen. Das Holtappel-Konvolut wird  erst seit Kurzem von Miriam Hüning kunstwissenschaftlich gesichtet und nun in einer ersten Übersicht präsentiert. Mit ihm verfügt das Haus jetzt über ein attraktives Leihangebot für andere Ausstellungshäuser. Ein kaum zu unterschätzender Faktor im globalen Kunstausstellungsbetrieb.

Als fotografische Werkschau 1950 – 2013 angekündigt, punkten die ausgestellten Fotografien als teilweise ikonografische Bilder des Strukturwandels zwischen Oberhausen, Duisburg und Gelsenkirchen. Dass darüber hinaus auch Holtappels Auftragsarbeiten für große Wirtschaftsunternehmen sowie von Kaufhäusern weltweit, häufig auch im Auftrag, ihren Platz in einem Kunstmuseum gefunden haben, kann man durchaus zwiespältig betrachten.

Holtappel hat in erster Linie als Auftrags- und Brotfotograf gearbeitet. Werbung mit fotografischen Mitteln, die erst einmal keinen fotokünstlerischen Anspruch stellte. Ich fotografiere nichts für die Wand, ich mache Aufmacherbilder. Warum eine Serie von Farbfotografien in der Ausstellung zu sehen ist, die nicht nur hinsichtlich der Farbqualität, sondern auch fotografisch wenig überzeugend sind, bleibt das Geheimnis der Kuratorin Hüning. Verwunderlich auch deshalb, weil sich Holtappel selbst nie wirklich für Farbfotografie begeistern konnte.

Dass sich einzelne Fotografien durch überraschende Perspektiven auszeichnen, zeugt von einem ambitionierten Blick für den besonderen Moment. Als teilnehmender Chronist blickt Holtappel mit einem verschmitzten Lächeln auf die Menschen seiner Umgebung, die er gut kennt. Er ist einer von ihnen, der mit der Kamera dabei ist, wenn im Sommerschlussverkauf oder bei Kaufhauseröffnungen Menschen sich ins Gedränge werfen. Nicht unbedingt immer sympathisch, aber empathisch.

Markstraße, Oberhausen, 1971: In Vorderansicht begegnet ein offensichtlich muslimisches Paar – sie mit einem Kopftuch – einem Paar, das in Rückenansicht zu sehen ist. Neben einem Mann mittleren Alters mit schütteren, gleichwohl länger fallenden Haaren in einem legeren schwarzen Anzug geht eine Frau mit einem markant breitkrempigen Sonnenhut in Hotpants. Die von hinten zu sehenden Personen sind offenbar vielen Duisburgern dieser Zeit stadtbekannt gewesen. Jedenfalls eine Fotografie, vor der einstmals einige bedächtig den Kopf schüttelten: Wenn das meine Omma sehen würde….

Fotografien von Gastarbeitern, die unaufgeregt subtil narrativ dokumentieren sowie von einigen Oberhausener Theaterinszenierungen, insbesondere aus der Inszenierung von Die Möwe von Klaus Weise 1994 zeigen den Chronisten und Dokumentaristen Holtappel von seiner künstlerisch überzeugendsten Seite.

Allerdings verstärkt sich, je länger man durch die Ausstellung geht, der Eindruck, dass mit Holtappel einem Fotografen eine Hommage gewidmet ist, aus der man schon mit dem Untertitel der Ausstellung Ruhrgebietsfotograf, Theaterdokumentarist, Warenhausfotograf eine gewisse Beliebigkeit herauslesen kann. Das hier angestimmte, fotografisch hohe Lied des Ruhrgebiets relativiert sich nämlich bei genauerem Hinsehen. In Holtappels Fotografien spiegeln sich die Alltagsbilder, die für nach dem Krieg zwischen Oberhausen und Duisburg Geborene in jedem Fall ein Déjà-vu-Potenzial haben.

27.05.2020

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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