Schubert-Beethoven-Zahlenspiele

© Susanne Diesner 2021

Michael Becker, Intendant der Tonhalle Düsseldorf, und Adam Fischer, Principal Conductor der Düsseldorfer Symphoniker, haben sich bis 2028 zu einem Schubert-Beethoven-Zahlenspiel verabredet. Mit einem schelmischen Lachen erzählt Fischer im Startalk vor dem Freitagskonzert, dass Becker ihm das weitreichende Angebot mit einer zahlenmythischen Klammer gemacht habe. Beethovens und Schuberts numerische Konzertbezeichnungen ergeben jedes Mal die Summe 10.

Das Konzertprogramm eröffnet mit der Symphonie Nr. 2 B-Dur D 125 von Franz Schubert undendet mit der Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93 von Ludwig van Beethoven. Die Rechenprobe (2 + 8 = 10) führt zu einem eindeutigen Ergebnis. Weniger lässt sich vorab die Frage beantworten, wie sich der Solist des Konzerts für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37 von Beethoven in der über mehrere Minuten, 111 lange Takte währenden Orchesterexposition auf seinen Einsatz vorbereitet.

Igor Levit, Jahrgang 1987, einer der weltweit führenden Pianisten nicht nur seiner Generation, lauscht aufmerksam in das Orchester hinein, wendet sich mit offenen Blick dem Publikum zu. Dehnt seinen Körper, verschränkt die Finger zu gymnastischen Übungen, prüft ihre Geschmeidigkeit am Seitenrand des Klavierhockers wie auf einer Klaviatur, berührt sie selbst, als wolle er sich mit den Tasten in einem Energiekreislauf zusammenschließen.

Nach der lyrisch retardierenden Zuspitzung durch Blech- und Holzbläser sowie die Streicher setzt Levit vehement mit mehrfachen Oktavtonleitern ein. Allegro con brio vorwärts stürmend schafft er einen Spannungsbogen, der den Dialog bis zum Presto des Finales mit seinem kecken Ton, changierend zwischen besinnlich nachdenklich und unruhig bis aggressiv, bestimmt.

Fortan entwickeln sich zwischen Orchester und Solist aufregende Dialoge, Soli und Tutti. Staunte Fischer im genannten Gespräch noch, wie es Levit gelingt, die technischen Schwierigkeiten in eine außerordentliche Spielkultur zu sublimieren, zeigt er sich als Dirigent mit Levit als Künstler auf Augen- und Ohrenhöhe. Fischer dreht sich offensiv vor fast jedem Orchestereinsatz Levit zu. Es ist als scanne er dessen Kopf und Hände in klangbildlicher Kongenialität von Solist und Orchester zu einem Spiel pares inter pares in wechselnder Verantwortlichkeit. Mit Levit hat Fischer – verse vice – einen Partner an seiner Seite, der die schwierigsten Klavierläufe in absoluter Souveränität beherrscht.

© Susanne Diesner 2021

Die dem Klavierkonzert allfällig zugeschriebene Toröffnung ins 19.Jahrhundert bestätigen beide uneingeschränkt. Über Mozart hinaus wachsend, weist Beethovens Klavierkonzert weit in die Zukunft. Fischer und Levit lassen seinen Aufbruch zu neuen sinfonischen Ufern beinahe leibhaftig spürbar werden. Der Wechsel von solistisch anspruchsvollen Passagen zum Orchester-Tutti verbindet sich organisch zu vielfarbigen Klangfüllen, die keine Scheu vor dem Heroischen und Pathetischen haben.

Das klangsinnliche Largo verströmt mit Levits verzaubernder Anschlagskultur eine charismatische, fast weihevolle Ruhe. Seine Finger schweben vor allem vor Pianissimo-Einsätzen für Momente über den Tasten. Er schließt sich mit dem Instrument gleichsam in einem musikalischen Stromkreis kurz. Tief über das Klavier gebeugt, richtet er im Weiteren seinen Körper in einer Anmutung zwischen Anbetung und Geisterbeschwörung auf und mündet Soli ins Orchester-Tutti. Im Orchester ranken sich kantabel Flöte und Fagott um zarte Klavierarabesken, die in kadenzierte Klavierpassagen con gran espressione überfließen.

Die sich in diesem Konzertteil konzentriert versammelte Energie ist bereits mit dem Auftakt in der Schubert-Sinfonie zu spüren. Fast ausverkauft, dicht nebeneinander sitzend, endlich wieder gemeinsam ein Konzert erlebend: Ich bin begeistert und Ihnen dankbar, nach fast zwei Jahren das wieder hier erleben zu dürfen (Becker). Die sich über diesen langen Zeitraum bei den Konzertbesuchern aufgestaute Freude will heraus. Nach den ununterbrochen pulsierenden Achtel-Ketten im Allegro vivace setzt eine Beifallswelle ein. Gütig lächelnd, stoppt Fischer diese mit drei in die Höhe gehaltenen Fingern.

Die von Fischer vorab bezeichnete Situationen, dass alle Konzerte des Abends seit 40 und mehr Jahren nicht mehr in der Tonhalle zu hören waren, gibt ihm die Hoffnung, dass bis zur montäglichen Konzertwiederholung alles immer besser, immer dialogischer werden wird. Programmatisch gesetzte Generalpausen, die ein grundständiges, kraftvolles Rauschen und stille, flüchtige Momente charakterisieren, zieht Fischer mit seinem Dirigat wie Leitlinien.

Selbstmotivierend mit geballten Fäusten und dezidiert aufmunternder, körperstraffender Konzentration, lobend mit angezeigtem Daumen auch während des Spiels ins Orchester. Schuberts jugendliche, frei von Regelzwängen ungebremste Komposition fließt wortgetreu übersetzt über das liedhafte Andante in das von einem zarten Oboen-Thema bestimmte Menuetto bis ins finale Presto vivace.

Bemerkenswert, welche Wertschätzung Fischer den Bläsern, insbesondere den Holzbläsern, angedeihen lässt. In der zweiten Applauswelle würdigt er sie nach dem Schubert-Konzert, wie er ebenso nach der Beethoven-Sinfonie in gleicher Weise insbesondere den für die in Sechszehntel-Schritten pochenden Bläserakkorde verantwortlichen Musiker würdigt.

Die Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93 attackiert Allegro vivace con brio energisch ohne Anlauf. Kaum bemerkbar das Fehlen eines langsames Satzes, der selbst durch Scherzando-Tempi nicht in seinem Vorwärtsdrängen gebremst werden kann. In Beethovens kürzester Sinfonie mit weniger als 30 Minuten Dauer zeigt der Dirigent seine unbändige, auch von außen sichtbare Arbeitslust. Tänzelnd, sich in die Knie biegend, springlebendig wippend und mitunter stampfend mit Ganzkörpereinsatz zeigt Fischer seine typische Begeisterung.

Die in den letzten Tagen im politischen Umfeld geprägte Formel von einer lernenden Politik assoziiert mit diesem Konzert ein lernendes Orchester, das sich selbst mit jedem Konzert in immer wieder neuen, anderen Lernprozessen erlebt. Die im Finale Allegro vivace tönenden Klänge und Akkordschläge wirken nicht nur ungemein irritierend. Sie stellen sie zum Sonatensatz Tempo di menuetto fast in Frage. Etwas Absurdes rumort darin über den begeisterten Schlussapplaus fort.

27.11.2021

Über Peter E. Rytz Review

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