Von Schönheit und Vergänglichkeit

Jakob Bro, Uma Elmo © ECM 2021

Das europäische Trio des dänischen Komponisten und Gitarristen Jakob Bro zusammen mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen und dem spanischen Drummer Jorge Rossy klinge, als würfe es einen meditativen Soundschatten in ein mythisch aufgeladenes Abendlicht. Der Opener Reconstructing A Dream  entfaltet die ganze Dramaturgie von Uma Elmo.

Der lautmalerisch distinguierte Titel zitiert die Vornamen seiner Kinder. Er ist aber viel mehr als nur eine familiäre Hommage- er ist eine Liebeserklärung an die Schönheit des Lebens, die es jeden Tag zu entdecken gilt (Beautiful Day).  Henriksens Trompete jubiliert tiefenentspannt somnambul entrückt. Immer schwingt aber auch eine Melancholie mit, die von den Schattenseiten des Seins weiß.

Bros’ Gitarre flirrt, begleitet den Trompetenklang mit emphatischer Modulation. Gitarre und Trompete verdichten das Melos zu ununterscheidbaren Sound-Lines (Morning Song). Die dieser Musik attestierte große Tiefe, die keine Eile hat (London Jazz News), nähert sich mit Worten dem, was in dieser Form eigentlich nicht wirklich zu beschreiben ist.

Wie jedes Slaraffenland sich per se selbst genug ist, verstehen Bro & Co. ihr Musizieren als Housework. Jeder trägt das Seine zu einer harmonisch ausbalancierten  Sound-Gemeinschaft bei. Roosys punktiertes Drumming, Henriksens flüchtig zarte, permanent suchende Tonfolgen, Bros‘ filigran sensibles Gitarrenspiel: In summa Sound Flower. Ein erkundendes Ausleuchten von Räumen zwischen Anfang und Ende.

Insofern ist es konsequent und zeugt von tiefer Menschlichkeit, sich derer zu erinnern, die ihnen Klang-Kosmen hinterlassen haben, um sie weiter zu explorieren. Mit der Hommage an den Trompeter Tomasz Stanko (To Stanko) erinnert sich Bro an die Einladung von Stanko, mit seinem Quintet 2009 Dark Eyes aufzunehmen. Ihm Türen zu seinen Klangwelten zu öffnen.

Ähnlich in Respekt und Hochachtung gegenüber dem  Saxophonisten Lee Konitz klingt Music For Black Pigeons empfindsam feierlich. Ruhiges Sedieren in Assoziation zur CD Balladeering von 2009 mit dem balladesken Lee-Konitz-Ton.

Dass Morning Song auf Uma Elmo abschließend in Variation (zu Track 4) zu hören ist, wirkt so, als würde Bro auf die Kontinuität von Evening Song zu Morning Song nachdrücklich insistieren. Uma Elmo – ein synergetisches Sound-Fabulieren.

04.08.2021

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Hallgató – Vom aufmerksamen Zuhören

Ferenc Snétberger, Keller Quartett, Hallgató © ECM New Series 2021

Wer die CD Hallgató von Ferenc Snétberger in den Player legt, sich dem melancholischen Adagio der Gitarre hingibt, ohne sich um den fremdartig klingenden Titel zu kümmern, könnte durch ein sich anschließendes heftiges Allegro unvermittelt aufgeschreckt werden.

Hallgató, erster Satz des Concerto for Guitar and Orchestra, In Memory of My People (1994/95) von Snétberger, titelgebend für die CD, bezeichnet in Romanes, der Sprache der Sinti und Roma, einen aufmerksamen Zuhörer, der den Liedern vom ewigen Kreislauf des Lebens und des Sterbens zuhört. Wolfgang Sandner bescheinigt Snétbergers Komposition im Booklet einen Tiefinneren Klang.

Gemeinsam mit dem Keller Quartett, dem vielleicht einflussreichsten ungarischen Streichquartett, hat Snétberger ein Konzertprogramm zwischen Trauer und Hymnus zusammengestellt. Zu hören ist ein Live-Mitschnitt von 2018 aus der Grand Hall der Liszt Academy Budapest, der mit dem Applaus eine elementare Lebendigkeit vermittelt. In Musik gegossenes Gedenken an die wechselvolle Geschichte der Menschheit zwischen stiller Friedfertigkeit – Samuel Barber, Adagio for Strings -, trauriger Ratlosigkeit- John Dowland, I saw my lady weep (for guitar and string quartet) und Flow, my tears (for guitar and violoncello) – und brutaler Grausamkeit – Dmitri Shostakovich, String Quartet No. 8 in C-Moll.

Shostakovichs Konzert gestaltet das Keller Quartett (András Keller und Zsófia Környei, Geigen; Gábor Homoki, Bratsche; Lászlo Fenyö, Cello) mit trockener Allegretto-Nüchternheit, mit aggressiver Schärfe in den ersten Sätzen, die sich in lyrischer  Präsenz unendlich scheinender Trauer entmischt. Barbers Adagio spielen sie in einer sensiblen Sentiment-Klangfarbigkeit, die das Sentimentale nicht scheut, gar nicht verleugnen will.

Dowlands abschließende Lieder ohne Worte sowie Snétbergers Your Smile for solo guitar und insbesondere seine Rhapsody No. 1 for Guitar and Orchestra (2005)  generieren in einer verinnerlichten Hallgató-Hörachtsamkeit einen hochmusikalischen Gedenkraum. Mit Hallgató hat ECM nicht nur eine außergewöhnliche CD produziert. Sie ist eine außergewöhnliche Schule des (Zu-)Hörens.

03.08.2021

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Die Welt ist alles, was der Fall ist

So verschieden, wie die Welt betrachtet wird, so unterschiedlich wird sie in Bildern rekonstruiert. Fokussiert auf Menschen in ihren sozialen Beziehungen, zeichnen ambitionierte Fotografien Infrastrukturen des Miteinanders in ausgewählten Milieus nach. Sie entdecken dabei dem Betrachter eine Welt, von der Ludwig Wittgenstein gesagt hat: Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Im Museum Folkwang Essen hat der Leiter der Fotografischen Sammlung, Thomas Seelig zwei, auf den ersten Blick thematisch weniges miteinander verbindende Ausstellungen konzipiert.  Thomas Zielony. The Fall, die bisher umfassendste Ausstellung seiner zwanzigjährigen Foto- und Videoarbeit sowie Im Krankenhaus, in der Ludwig Kuffer, Andreas Langfeld und Elisabeth Neudörfl fotografische Studien über das Essener Alfried Krupp Krankenhaus für einen Bildband erarbeitet haben.

Mit kuratorischem Feingefühl hat Seelig in die aus dem Bildband entwickelte Ausstellung ausgewählte Arbeiten aus der fotografischen Sammlung, zusätzlich den Blick erweiternd, eingestreut. Sie assoziieren das Thema Gesundheit über mehr als hundert Jahre mit anonymen Aufnahmen sowie mit Fotografien beispielsweise von Edward Steichen, Ernst Scheidegger, Erich Salomon, Walter Ballhause u.a. sowie mit einem beeindruckenden Foto-Essay Frauen im Altenheim (1987) von Karl Heinz Tobias.

Steigt man aus dem Untergeschoss, wo das Krankenhaus als Parabel der Modernität (so Armin Nassehi in seinem Textbeitrag des Bildbandes) inszeniert wird, mit Zielony in die repräsentative Eingangsebene, fällt eine verborgene thematische Koinzidenz beider Ausstellungen auf. Die Kamera richtet ihre Linse auf Menschen in temporär von ihnen besetzte Infrastruktur-Architekturen. Im Krankenhaus ist die Autonomie des Kranken für eine gewisse (Behandlungs-)Zeit außer Kraft gesetzt, einhergehend mit dem Verlust von Selbstbestimmung.

Zielonys überwiegend jugendliche Protagonisten besetzen Räume im Abseits einer bürgerlichen Selbstverständlichkeit. Während das Krankenhaus auf einer funktionalen, gesundheitsfördernden Architektur basiert, sind demgegenüber Skater-Rampe, ruinöse, sex-transformierte Dunkel-Räume oder Drogenhandelsplätze eher dysfunktional. Den Fotografien gemeinsam ist jedoch in differenten Bildsprachen die Darstellung themenbezogener Dialoge.

Was können, respektive sollten Fotografien leisten? Kuffers Detailstudien technischer Geräte, Langfelds Portraitstudien und Neudörfls Schwarz-Weiss-Fotografien menschenleerer Räume folgen den Spuren sekundärer Prozesse, wie sie Hanna Engelmeier in ihrem Beitrag beschreibt:….ein wacher, nach vorn gerichteter, explorierender Blick des Künstlers….

Mit einem ganz anderen Blick, der dem Verständnis einer Moderne, die von einem immerwährenden Mehr an Gütern und Genuss vorwärts getrieben wird, skeptisch gegenüber steht, befragt Zielony Identitäten in ihren permanenten Veränderungen. Die Fotografien und Video-Arbeiten seiner weltweiten sozialen Umfeld-Expeditionen sind Dokument und künstlerische Reflexion zugleich. Sie zeichnen mit einer zeitgenössischen, von den Produktions- und Distributionsmöglichkeiten der sozialen Medien bestimmten Bildsprache.

Der Ausstellungstitel The Fall liest sich wie der metaphorische Kern eines in die eigentlich jugendliche Blüte des Lebens eingefallenen Herbstes. Warten, dösen, stürzen, hinfallen, wiederaufstehen – Gesten und Posen einer Generation, die dem Nebel des kapitalistischen Konsum-Wahns widerständig mit flexiblen Ortswechseln zu entgehen sucht. Zielonys bildkünstlerische Arbeiten zeigen Formen der Selbst-Repräsentation von Milieus, die sich im Umbruch selbst erst zu finden suchen. In der Gruppe und allein zwischen Ha Neu und The Deboard.

Dass Im Krankenhaus (2018) in Timm Rauterts, Im Krankenhaus. Der Patient zwischen Technik und Zuwendung von 1993 einen Vorgänger hat und das weiterhin Zielony Meisterschüler von Rautert war, verbindet die Ausstellungen auf einer subtil authentischen Ebene zusätzlich. 

01.08.2021

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András Schiff im Dialog mit Johannes Brahms

András Schiff, Johannes Brahms, Piano Concerts © ECM New Series 2021

Was Sir András Schiff mit der Neueinspielung des Klavierkonzerts Nr. 1, d-Moll, op. 15 und Klavierkonzert Nr. 2, B-Dur, op. 83 auf ECM New Series will, beschreibt er im Booklet unmissverständlich deutlich und klar: Sie vom Ballast der Vergangenheit befreien.

Viele Interpreten haben der Versuchung nicht wiederstehen können, sie mit monströs forcierten Tempi zu malträtieren. Legendär ist die Einspielung des ersten Klavierkonzerts Anfang der 1970er Jahre durch Glenn Gould mit den New Yorker Philharmoniker unter Leonard Bernstein. Bevor Bernstein den Taktstock hebt, warnt er das Publikum, dass er selbst für Goulds Interpretation nicht einstehen könne.

Damals eine revolutionäre Brahms-Zäsur. Heute, 50 Jahre später dringt Schiff, der auf einem historischen Blüthner-Flügel des 19. Jahrhunderts, einem sogenannten period instrument  mit parallel gespannten Saiten, die die Klangfarbigkeit hervorhebt, zusammen mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment zum Kern des Eigentlichen vor. Kein schwülstig aufgeladener Klangbombast, mehr eine den Konzerten immanente melancholisch gefärbte Ernsthaftigkeit hörbar zu machen.

Wie es Schiff schafft, trotz der Monumentalität schon mit dem 1. Satzes im ersten Konzert, transparent mit gesanglicher Anmutung in souveräner Interpretation zu zeichnen, gibt die Richtung vor, wohin diese Brahms-Reise geht. Ein fulminantes Bekenntnis: Hier spricht der junge Brahms. Hier bürge ich, András Schiff für nichts weniger als für einen Brahms in der Nachfolge von Bach und Beethoven. Dem eigenwilligen, teilweise recht sperrigen Klavierspiel hat sich Brahms mit jugendlichem Furor in die Hand geschrieben. Originalität mit Wucht, rumorende Pauken kontrastieren elegische, vollgriffige Akkordsätze. Trotzdem gelingt das Finale beschwingt spielerisch.

Zwei Jahrzehnte später, Brahms steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere, geriert sich das zweite Klavierkonzert als ein Opus summum der Konzertliteratur. Frei atmend, scheint alle Virtuosität altersweise geläutert. Schiff und das Orchestra of the Age of Enlightenment, schon dem Namen nach dem Zeitalter der Aufklärung verpflichtet, klären mit Understatement, das bei ihnen die üblichen Grenzen von Solist und Orchester nicht relevant sind. Dialogisch fokussiert, stehen Horn und Cello beispielhaft für solistische Gleichberechtigung aus dem Orchester heraus.

Auf den solistischen Hornruf im Allegro non troppo antwortet Schiff mit einer romantisch inspirierten Grandezza-Türöffnung, die in eine graziös schimmernde Orchesterexposition mündet. Voller Wehmut das leidenschaftliche Nachtstück (Allegro apassionata), im Andante romantisch intonierend wie ein Lied ohne Worte (Cello: Luise Buchberger), obsiegt Schiffs Klavierspiel mit spielerischer Leichtigkeit das schwermütige Temperament Brahms.

Beides Aufnahme, die sich nicht allein darauf verlassen, historisch orientiert und informiert zu sein, sondern extrem intelligent, homogen und kammermusikalisch musizieren, wie es im Booklet formuliert ist.

20.07.2021

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Synchronität ist eine Chimäre

Dejan Terzić, Silent Dancer © Axiom 2021

Mit Silent Dancer legt der Schlagzeuger Dejan Terzić bei Axiom eine programmatische CD vor. Geprägt von seiner südosteuropäischen Herkunft des Balkans, verschränkt er diesen volksmusikalischen Background mit dem seines jetzigen Lebensmittelpunktes, dem Modern Jazz New Yorker Prägung.

Für seinen spezifischen Silent-Dancer-Sound hat er mit dem perkussiv intonierenden Pianisten Bojan Zulfikarpašić (international bekannt als Bojan Z), dem melodisch einfühlsamen Tenorsaxofonisten Chris Speed und dem Line präsenten Bassisten Matt Penman empathische Musiker gefunden. Sie können sowohl sanft verträumt eine umfassend ausschwingende Ballade (Silent Dancer) zelebrieren, als auch mit kraftvollem Beat-Techno-Duktus Synchronicity entwickeln.

Die Tracks folgen einem instrumental wechselnden Akkord-Grundmuster. Beispielhaft setzt in Synchronicity das Schlagzeug unruhig rumorend ein, von Saxophon in einen beruhigten Chorus überführt sowie von Piano-Floskeln umspielt. Manchmal schießen Terzić & Co. Manchmal bewusst übers Ziel hinaus. Wenn sich Drum und Bass nicht entscheiden können – One Shot Not!? -, machen Piano und Saxophon eindrücklich bittende Versöhnungsangebote.

Alles ist möglich, wenn wir es wollen, protzt Rêve de Voler voller Optimismus. Lyrisch sentimentale Saxophon-Höhenflüge heben in juvenile Sound-Höhen ab. Gleichsam eine Rückschau auf Terzić Balkan-Heimat von New York aus. Mit Apollo, dem Gott aus der griechischen Mythologie, der für die Künste, insbesondere der Musik ein Wächteramt innehat, fordert der gleichnamige Track mit selbstbewusstem Stakkato: Hört! Seid laut!

Fortgeführt als Typewriter, Synchronicity antizipierend, treibt das näselnde Saxophon hier zum Widerspruch, während es im anschließenden Mysterious Life of Blowfish Bojan Z’s poetischen Lines folgt und sich zu einem harmonischen over-tuned Sound fügt.

Aber durchgängiges Harmoniebestreben ist Terzić Sache nicht. Miteinander beweist sich in poetischen Gleichschritten (Poème) wie auch in dramatischen Aufschreien (Outcry) im kritischen Gegeneinander. Als würde sich Silent Dancer nicht eindeutig festlegen lassen wollen, verrätselt sich der abschließenden Track Chimaera letztendlich wie eine Chimäre, einem Mischwesen aus genetisch unterschiedlichen Zellen und Geweben. Aber gerade darin liegt das reizvoll zu Entdeckende der CD.

20.07.2021

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Meditation und Kampfkunst

Nik Bärtsch, Entendre © ECM 2021

In sich ständig komplexer verzweigenden Gesellschaften, stellt sich die Frage: Wie können wir einander (noch) verstehen? Einvernehmlich und kritisch zugleich?

Nik Bärtsch, als kompromissloser Ästhet vielfach gelobt, meldet sich mit Entendre aus dem wortkargen Pandemie-Zeitgeist mit modulierter Gelassenheit zu Wort, respektive zu Ton. Sich um Verständigung zu bemühen, setzt elementar voraus, sich selbst aufgeräumt und gelassen zu justieren. Entendre kann man als einen solchen Hör-Praxistest verstehen. Sie gibt Platz für den je eigenen inner-architektonischen Musik-Kosmos, der beim Hören entsteht.

Wie Module, die Teile eines größeren (technischen) Systems sind, es zusammenhalten, es strukturieren, verbinden Bärtsch‘ kompositorische Module emotionale und ästhetische Assoziationsräume. Verständigungsräume, die kommunikative Bereitschaft zum Verstehen jedes einzelnen, mehr oder weniger erfahrungsgesättigten Moduls des Subjekts antizipieren. Bärtsch nennt das auf Hör-Modus schalten…..die Musik machen lassen und zu akzeptieren, was geschieht.

Entendre kann man als ein Sound-Extrakt des ambitionierten Aikido-Kampfkünstler Bärtsch anhören. Gipfelnd in der Überzeugung, allein mit sich zu kämpfen ist nichts, im Vergleich mit dem gemeinsamen Austarieren eines Zielpunkts. Einem Austausch von Energie zwischen dem Spielenden und dem Zuhörenden. Risiko des Scheiterns eingeschlossen.

Um das zu erreichen, gilt es die wichtigen Dinge im Hier und Jetzt zu bündeln. Die Auswahl der Entendre-Module folgt diesem Prinzip bis zum Umkehrpunkt Déjà-vu Vienna präzis und konsequent. Meditation und Kampfkunst verschmelzen zu modularen Wild Monkeys of Sound. Man spürt Bärtsch‘ rhythmische Affinität als vom Unterbewusstsein gesteuerte Motivationen, Verständigungsraumperspektiven Far Eastwards auszuloten.

Komposition und Improvisation gehen dabei ineinander über. Sie amalgieren zu von der Gegenwärtigkeit des Augenblicks kreierten Klangstrukturen. Nichts Feststehendes zementieren, sondern die fortwährende Veränderung von Etwas, das Wort, Bild oder Musik sein kann, zu reflektieren. Entendre zu zuhören, ist, als würde sie dem Hörenden ein Begriff von seinem verstehenden Selbstverständnis geben.

10.07.2021

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Transzendierte Wirklichkeit

Stefan Micus, Winter’s End © ECM 2021

Als Joachim-Ernst Berendt 1983 dem SWR die Sendung Nada Brahma – Die Welt ist Klang vorschlägt, gibt es viele Vorbehalte. Seine Idee, mit Musikbeispielen von gregorianischen Chorälen oder von Johann Sebastian Bach sowie von tibetanischen Gesängen bis zu Jazzmusik von John Coltrane oder Ben Webster als auch Popmusik von Pink Floyd und Santana die Vielfalt der verschiedenen Klangkulturen nebeneinander zu stellen, harmonikale Strukturen hörbar zu machen, findet Jahrzehnte später in der Musik von Stefan Micus einen kreativen Konterpart.

Inspiriert von Murakami Kijos (1865 – 1938) Gedicht Winter’s End, kompiliert er mit mehr als zehn zumeist seltenen, exotischen Instrumenten, wie Chikulo, Nohkan, Kalimba Nay, Charangos, Sattar oder tibetischen Cymbels assoziative Klangkosmen. Der Vers Although there ist he road, the child walks in the snow ist ihm programmatischer Anlass, über Absicht und Richtung des Gehens musikalisch zu meditieren.

Ähnlich Paul Klees Arbeit Hauptwege und Nebenwege (Öl und Gips auf Leinwand) von 1929 bildkünstlerisch folgt, erlauscht Micus Klänge beim Gehen. Von Autumn Hymn über Walking in Snow bis sehnsuchtsvoll denen von Zugvögeln anmutend, malt die Chikulo, ein Xylophon mit hölzernen Tasten und die traditionell im Noh-Theater dominierende Nohkan-Flöte meditativ transzendente Sounds. Selbst alte Affenbrotbäume beginnen zu tanzen (The longing of the migrant Birds). Übersetzt in eine an Minimal Music erinnernde Kalimba-Tonsprache, verdichtet durch die Klangaufhellung der westafrikanischen Harfe (Sinding) flirren südliche Sternhaufen (Southern Stars).

Getragen von dem südamerikanischen Zupfinstrument, der Charango und der persischen Rohrflöte Nay, malt Micus sein Ein-Mann-Klanguniversum Klänge der Welt. Notabene nachhaltig inspirierte Begleiter (Companions), die in tief ehrlichen Pathos schimmern. Korrespondierend mit mehrstimmigen Gesängen, die neben den Zugvögeln auch dem Tanz der Sonne (Sun Dance) huldigen, spurt eine 12-string-Guitar verträumt im Sand eines Irgendwo.

Mit lasziv anmutender Leichtigkeit breitet die Nohkan, eine Bambus-Traversflöte zusammen mit tibetanischen Cymbals und der auf dieser jetzt bei ECM als 24. Soloalbum von Micus veröffentlichten CD Winter’s End immer wieder zu hörende Chikulo einen hymnisch poetischen Schleier aus. Kijos Versfragment von Micus klangfarbig übersetzt, transzendiert Ortserfahrungen hinter der unmittelbaren Wirklichkeit.

09.07.2021

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Contemplation & Moving

Heinrich von Kalnein, A Night in Vienna © Natango Music 2021

Pandemie-Zeit ist eine Herausforderung in allen Lebenslagen. Alltäglichen und Professionellen. Neue Formen der Präsentation und Kommunikation sind unabdingbar, um Öffentlichkeit zu gewinnen. Live-streamed Concerts sind nicht nur für Jazzmusiker eine kreative Alternative.

Der Saxofonist Heinrich von Kalnein hat zusammen mit dem rhythmisch indigniert sensiblen Ramón López (dr) und der kultiviert überlegen improvisierenden Bassistin Gina Schwarz ein solches Konzert im Januar 2021 im Jazz & Music Club in Wien gespielt. Sie waren von der Aufnahme so überzeugt und begeistert, dass sie sie auf Natango Music veröffentlicht haben: A night in Vienna. Ein Glücksgriff in jeder Hinsicht.

Es immer wieder erstaunlich, wie viele herausragende Musiker ebenso herausragend musizieren und improvisieren, wie sie im Unterschied dazu in der Öffentlichkeit eher weniger wahrgenommen werden. Von Kalnein und Schwarz mögen dafür prototypisch stehen, wie der weltgewandte López die andere Wahrnehmungsseite verkörpert.

In mystisch spiritueller Anmutung eröffnet von Kalneins Saxophonden ersten Track Prayer programmatisch. Wie aus meditativer Verinnerlichung entwickelt sich, vorwärts getrieben von Schwarzs Bass, dynamisiert von Lópezs dezidiertem Drumming, ein ritualisierter Sound. Mit aggressivem Understatement beschwört und baut er sich mit kommentierenden Bass-Lines in Shiva zu einem hinduistischen konnotierten Glücksversprechen auf: With their internal music logic.

Kontemplation (Contemplation), verbunden mit farbig malenden, musikalischen Phrasierungen, schwingt das Saxophon leicht und luftig (Moving Air) in assoziativ reflektierte Kosmen. Gegenüber dem vom Saxophon lyrisch zerbrechlich schwelgenden, flirrenden Sound interveniert López. Trommelt gegen einen sanftmütigen Überschuss an. Verhaucht, vom Bass geläutert, wie nach einem Sturm als leicht bewegtes Lüftchen mit verblasenen Saxophon-Kadenzfigurationen.

A night in Vienna besticht durch thematisch eigenständige, gleichwohl alle Tracks umkreisende, einkreisende Arabesken. Volkstümliches Melos (Folk Song) verbindet sich mit dem Shiva-Kosmos ebenso, wie sich hinter der Maskerade von Harlekin ein stupendes Triospiel artikuliert. Es folgt dem Muster – Saxophon stimmt an, Bass übernimmt, Schlagzeug konterkariert -, ohne sich in Eindimensionalität zu wiederholen. Das Fazit von von Kalnein im CD-Beiblatt – We had moved along through a wide variety of musicals mood – ist kein rhetorisch leeres Versprechen. Man höre und genieße!

18.07.2021

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Kaftans Jazz-Dachboden

Bernd Kaftan, Rooms ans Places © membran 2021

Das Klavier ist der König unter den Solo-Instrumenten im Jazz. Mit weitem Abstand folgt die Gitarre. Alle anderen Instrumente sind mit Solo-Aufnahmen marginal. Wer mit dem Klavier gehört werden will, dem stellt sich eine Phalanx von exzellenten Pianisten in Weg. Da heißt es, viel Geduld und unbedingte Überzeugung zu haben und den Glauben an sich nicht zu verlieren.

Bernd Kaftan mag dafür exemplarisch stehen. Viele Jahre im Verborgenen gereift, beschreibt Jazz Records diese Situation. Als Angehöriger der Nachgeborenen-Generation von Giganten wie Herbie Hancock, Chick Corea und Keith Jarrett sowie seiner Zeitgenossen Michael Wollny und Jason Moran tritt er jetzt im besten Mannesalter zaghaft und vorsichtig mit seinem Solo-Debüt Rooms and Places aus diesen übergroßen Schatten.

Nach Jahrzehnten vor allem als Komponist sowie als Theater- und Hörspielmusiker hat er offenbar Räume, besetzt mit Erinnerungen, Träumen und Sehnsüchten, gesichtet, aufgeräumt und neu sortiert. Mit der CD gewährt er einen Blick, leiht er ein Ohr, sich mit ihn auf seinen Dachboden enträtselter Geheimnisse zu begeben. Attic of unraveled mysteries titelt der zentrale Track, aufgenommen im „B“-inspired Studio der Tonmeisterin Brigitte Angerhausen, nicht von ungefähr.

Geheimnisvoll leise, Töne erweitern sich langsam zu Akkorden, so eröffnet die CD, als würde man durch ein kleines Dachfenster in den Himmel schauen (wide open sky). In der Morgendämmerung (dawn in greenwood) wabern Nebel. Umkreisen mit improvisierten Phrasierungen das noch unbestimmt Vage des vor einem liegenden Tages. Auf der Suche nach dem Wohin-ich-gehöre (where i belong with you) verlässt Kaftan wie mit sanftenen Füßen – die Saiten perkussiv sehr zurückgenommen, leise anschlagend, letztlich aber triumphierend – die Höhle des Zauberers (the sorcerer’s cavern).

Immer mehr Licht durchflutet die Landschaft, verdichtet sich zu einer Überblickshelle, zu einem aufklarenden Standpunkt, als kulminierten die Tracks auf einem Miradouro in irgendeiner portugiesischen Stadt. Frei füllen die Kaftans Improvisation Raum und Zeit.

08.04.2021

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Anájikon – Gourzis Engel-Paraphrase

Konstantia Gourzi, Anájikon © ECM New Series, 2021

Konstantia Gourzizum Zweiten bei ECM. Nach Music for piano and string quartet verstetigt sie mit der soeben erschienenen CD Anájikon ihre Wertschätzung durch ECM. Wer hier veröffentlicht, ist musikalisch über alle Genre-Schubkastendenken hinweg im Kosmos der kostbaren Musik angekommen. Unzählige ECM-Veröffentlichungen seit mehr als 50 Jahren sind inzwischen Legende.

Mit Gourzi zeigt sich eine kosmopolitisch ambitionierte Komponistin. In ihrem Werk verbindet sie östliche und westliche Traditionselemente. Aber nicht nur musikalische allein. Ihr Anspruch ist umfassender: Kunst ist die Nahrung des Geistes, ein Spiegel der heutigen Gesellschaft. Ohne diesen Spiegel geht unsere Identität verloren.

Anájikon vereint drei unterschiedliche Kompositionen. Duo-, Quartett- und Orchestermusik verbindet Reflexionen über das von der Kunst häufig behandelte Engel-Thema miteinander. Eingeleitet durch Hommage à Mozart, Three dialogues for viola  and piano, fortgesetzt mit Ny-él, two angels in the White Garden for orchestra, final fokussiert mit der titelgebenden Komposition Anájikon, The angel in the Blue Garden, String Quartet No. 3 durch das Minguet Quartett, changieren Gourzis Engel-Paraphrasen zwischen Paul Klees mehr als 80 Engelsdarstellungen und Rainer Marias Rilkes lyrischem Seufzen Ein jeder Engel ist schrecklich.

Obgleich sie sich mit Anájikon konkret auf die Bronzeskulptur Engel I von Alexander Polzin bezieht, ist unverkennbar schon in der einleitenden Hommage à Mozart in der Interpretation von Nils Mönkemeyer (Viola) und William Youn (Piano) außerordentlich thematische Fasslichkeit und melodische Prägnanz hör- und spürbar. Ähnlich Klees mehrdeutigen Engeln, die paradiesisch traumverloren wie auch mephistophelisch zu charakterisieren vermögen, umweht einen bei Mönkemeyer und Youn mit Gourzis Aleatorik in drei Dialogen trotz alledem ein authentischer Mozartiana-Atem.

Kontrastierend zwischen Engeln und Teufeln, zwischen Gut und Böse, dekliniert Gourzi am Pult des Lucerne Academy Orchestra in vier Sequenzen – Eviction, Exodus, Longing, The White Garden – das Orchesterstück Ny-él, two angels in the White Garden die Relativität moralischer Wertvorstellungen in einer globalisierten Welt. Unerlöst, immer in der Hoffnung auf das Mysterium White Garden. Ob Rilke Recht hat – Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang -, sei dahin gestellt. Im Vertrauen, die Sehnsucht (Longing) möge sich erfüllen, raunt es anfangs mystisch bis dramatisch zugespitzt im Orchester, um wie aus weiter Ferne gleich einem universalen Nirwana elegisch zu verstummen.

Den Fragen des Orchesterstücks – Wo ist der Horizont, der Sicherheit geben kann? – nähert sich das Minguet Quartett im String Quartet No. 3 Gourzis in romantischer Verklärung des Blau. Mit The Blue Rose, umschwebt von The Blue Bird, beginnt das Minguet Quartett das Terrain dialogisch und solistisch zu erkunden. Erleuchtet von The Blue Moon in Kreisbewegungen – The Bright Side, Turning, The Dark Side – zeichnet die Komposition in The White Garden einen Ort, in dem Engelsvisionen aufscheinen: The Angel In The Blue Garden.

Ulrich Isfort (violine), Annette Reisinger (violin), Aroa Sorin (viola) und Matthias Diener (violincello) schaffen mit ihrem perfekt abgestimmten Quartett-Spiel einen enigmatischen, spirituellen Klangraum. Es hört sich an, als würde dem irdisch Existentiellen etwas überirdisch Ahnungsvolles eingeschrieben sein. Engelsmusik, die christliche Ikonographie antizipiert, aber weit darüber hinaus weist.

30.05.2021

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