Eher frühherbstlich mild senkt sich der Abend über das Gelände um die Klosterbasilika Knechtsteden. Unheimlich. Fantastisch. – titelt das Konzert im Rahmen des Festival Alte Musik Knechtsteden mit dem Freiburger Barockorchester – wird es nach dem Konzert durch die Klosterpforte auch nicht wirklich. Allerdings könnte der sparsam beleuchtete Weg nach dem finalen La musica notturna delle strade di Madrid (Quintetto per archi op.30 Nr. 6) von Luigi Boccherini doch nächtlich verdunkelte Phantasien beflügeln.
Dass das Barockzeitalter in seiner vielfältigen Musiksprache einen Wendepunkt zwischen Mittelalter und Moderne einläutet, ist dem Konzert wie eine heimliche Botschaft eingeschrieben. Die im Einführungsgespräch zwischen der Flötistin und Dirigentin Dorothee Oberlinger und der Ersten Konzertmeisterin des Orchesters, Hannah Visser, im gegenseitigen Einvernehmen ausgetauschten Erwartungen, den Klangraum zwischen Tag und Nacht im Sinne eines malerischen Chiaroscuro opulent zu kontrastieren, erfüllen sie sehr überzeugend.
Zum Konzertauftakt mit einem fulminanten, brachial alle Grenzen des bis dahin Gehörten Le Cahos/Le Feu aus Les Éléments von Jea- Féry Rebel (1666-1747) den göttlichen Schöpfungsakt feiernd, wird eine poetisch variable (Barock)Perspektive gelegt. Lyrisch verträumt, mit dem für Blockflöte und Streicher bearbeiteten Orgelkonzert F-Dur von Georg Friedrich Händel fortsetzend, wird mit dem Bassbariton Sreten Manojlovic das Konzertpodium zu einer musiktheatralischen Bühne. Polifemo-Arie (Fra L’Ombree gl’orrori aus Aci, Galatea e Polifemo) und Rezitativ & Arie (Polyphemus aus Acis und Galatea) gestaltet er zu einem furiosen Auftritt. Bassbariton und Altblockflöte generieren einen Klang, der mich schon lange interessiert (Oberlinger).
Die Nobilität des Orchesterspiels, von Oberlinger mit Piccolo- oder Altblock-Flöte geleitet, steigert das Konzertprogramm emphatisch Prestissimo mit dem Konzert g-Moll von Antonio Vivaldi über einen Streicher-Herzschlag-Rhyhtmus in eine laut grummelnde Nachtmusik: La Notte. Die Pizzicato-Preziosen der Streicher der Ciacona aus der Serenada à cinque von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) beschließen mit dem musikantisch verschmitzten Ciacona-Nachtwächter Manojlovic den ersten Programmteil.
Inzwischen ist es in Knechtsteden Nacht geworden. Dormons, dormons tous von Jean-Baptiste Lully wiegt das Publikum metaphorisch für Momente in den Schlaf, um mit Manojlovics Interpretation der Arie des Morpheus / Le Sommeil (Atys tragédie mise en musique) die Sonne gleichsam tanzend zur Seite zu wischen. Mit Henry Purcells The Cold Song aus King Arthur wird es frostig, neblig kalt.
So kann natürlich kein Barock-Konzert enden. Oberlingers Flötenspiel im Dialog mit Vogelstimmen (Antonio Vivaldi, Konzert für Flautino C-Dur) hellt die Stimmung in der in der dunklen Basilika freundlich stimmungsvoll auf. Zwei Zugaben im applaudierenden Selbstverständnis mit dem Publikum haben Oberlinger & Co natürlich in petto.
24.09.26


















