Wir sind alle Schnee

Aus der Not entsteht alles. Unübersehbar, mit dicken Lettern im Programmfaltblatt zu Ur-Aufführung Violetter Schnee am Theater an der Ruhr in Mülheim, prangt großformatig das Statement von Roberto Ciulli zur Lage der Gesellschaft und des Theaters. Wir haben die Aufgabe, wenn wir spielen, die Not zu erwecken und ….sie zu nutzen, um gesellschaftliche Verhältnisse zu ändern.

Wie setzt das Theater heute, insbesondere in Mülheim an der Ruhr, diese ambitionierten Worte in seinem Spielplan um? Theater müsse, schaltet Ciulli seinen Anspruch noch eine Stufe höher, Denk- und Diskussionsräume anbieten.

Das letzte Wochenende bot die Chance auf ein Exempel, Theater als Erfahrungsraum von Musik und Spiel innerhalb von 24 Stunden zu erleben. Am Samstag eine Klanglandschaftsreise in die Levante, eine Landschaft zwischen Mesopotamien bis Nord-Syrien und Nord-Irak, mit dem Quartett Sadaqa (Manfred Bründl, b; Mohannad Nasser, Oud; Bodek Janke, perc, dr; Ibrahim Keivo, Saz). Der arabische Titel übersetzt in Freundschaft – ein programmatisches Plädoyer für die Kraft der Musik in konfliktreichen Zeiten von Krieg, Flucht und Vertreibung in diesen Regionen. Violetter Schnee, ein Stück von Vladimir Sorokin, führt am Sonntag spielerisch dort weiter, wo der Vortag einen musikalischen Punkt gesetzt hat.

Im Triospiel, angeführt von dem ingeniösen Oud-Virtuosen und Sänger Nasser, der mit dem zwischen perkussiv vielfältigen Instrumenten und Schlagwerken agil wechselnden Janke aufregende Dialoge initiiert, begleitet von Bründls sonorem Bassspiel, öffnen sich weltmusikalisch assoziierende, poetische Soundräume. Das nachdenkliche Leise wird durch Kievos dramatisch hochtemperiertes Spiel auf der türkischen Saz sowie durch seine tänzerischen Einlagen, von Teilen des Publikums mit rhythmischen Klatschen befeuert, konterkariert.

Auf  ihre Freundschaft, die doch im Laufe der Zeit verloren ging, sind ähnlich, wenn auch auf eine ganz andere, gesellschaftlich subtilere Art und Weise, die fünf Protagonisten in Violetter Schnee gestimmt. Doch sie finden sich als Gefangene in einer Holzhütte, die vom über Wochen anhaltenden Schneefall von der Außenwelt abgeschnitten ist. Jetzt, in der Not, sind sie hilflos zusammen gepfercht, wie sie es bis dahin nie geschafft hatten, sich zu besuchen. Alles ein Zufall…oder ist ein Traum? Was tun in dieser sich ausweglos gebenden, ans Katastrophische (aus)grenzenden Situation? Es entwickelt sich ein Spiel auf Leben und Tod. Emotional sozial verlässliche Achtsamkeit verlierend, verschneien, verflüssigen sich die Realitäten von Mensch und Natur. Das, was flüssig werden muss, ist die Not, gibt der Regisseur Ciulli zu Protokoll.

Ciulli eröffnet die Aufführung mit einem beim Dichter Johannes Kühn, einem Zeitgenossen Ciullis, geborgten Seufzer: Ich mag nicht mehr. Seine Worte verdichten mitunter in einem ökologisch affinen, wolkigen Sprach-Malstrom. Einzelne Sentenzen des Gedichts sind mehr zu ahnen, als deutlich zu verstehen.

Blass, mit stieren Blicken sitzen derweil die Freunde auf desolaten Stühlen oder kauern in den durch herausgerissene Dielenbretter entstandenen Löchern im Holzboden (Bühne: Elisabeth Strauss). Schweigend, lang gefühlte Minuten. Schnee, Schnee, Schnee, nüchtern leer ausgesprochen, geriert sich die Inszenierung in eine Monotonie von Einsamkeit und Aggression. Handlung und Text verschränken sich dialogisch nicht durchgängig konsequent.

Den narrativen Facetten einer unheimlichen Wirklichkeit stellen sich die Eingeschlossenen auf sehr unterschiedliche Weise. Verschieden auch die Assoziationsangebote für die Zuschauer. Schnee ist nicht nur weiß. Manchmal scheint er auch violett oder galaktisch schwarz zu sein.

Die Witwe Natascha (Dagmar Geppert mit stupendem Instinkt für das Groteske der Situation), alleinige Hausbesitzerin nach dem Tod von Alex und dem Hund, verbindet ihre Lebenssehnsucht mit Liebesversuchen zu Jan (Albert Bork skizziert Jan mit nonchalantem, teilweise wenig überzeugendem Understatement). Der ist allerdings Ehemann der vom Alkohol abhängigen, vom Leben mit ihm frustrierten Bratschistin Sylvia (Simone Thoma überdehnt die nur noch imaginierte Künstlerin mitunter in sprachlichen und spielerischen Dekadenzattitüden).

Komplettiert wird das Quintett durch Thomas Schweiberer, den schwulen Buchhändler Jacques, voll larmoyanter Gleichgültigkeit, die nur noch auf das Fressen insistiert, und den Archäologen Peter, der sich auch als Paläontologe, weiterhin als Welterklärer und ihr Interpret als Wissenschaftler und Poet brüskiert zeigt. Fabio Menéndez sucht in der Figur des Peter nach einem Charakter, der von Sorokin merkwürdig unscharf gezeichnet ist. Es bleibt bei einem andeutenden Ahnen, ebenso wie seine Mitspieler bei ihren Figuren. Das hat weniger mit schauspielerischen Defiziten zu tun, als mit den von Sorokin skizzierten Charakteren.

Stück für Stück verlöschen die emotional seelischen wie die physischen Kräfte der Ausharrenden. Existentielle, ethische Normen verschieben sich ebenso, wie das physische Körperbewusstsein. Hundedosenfutter gepaart mit von Olivenöl eingeriebenen erotischen Phantasien, symbolische und Brennwert orientierte Brandschatzungen, Mondbetrachtungen, inklusive irritierend schwarz assoziierter Milchstraßen. Natascha entkleidet sich, splitternackt zieht sie Arbeitshandschuhe an, reibt einen Stuhl mit jenem (Liebes)Öl ein, entzündet ihn und ihr Bett. Jan folgt ihrer Forderung zum Akt, sofort und unbedingt mit lustlos schlaffer Körperhaltung. Alles nur ein Traum? Lost Generation, der der Sinn für eine menschliche Gemeinschaft verloren gegangen ist?

Die Inszenierung zeigt eine Mixtur aus existentieller Not und globalem Klimakrisenraunen. Sie bleibt dabei im bedeutungsvoll Ungefähren, wie das lapidare Recht so! für Alles und Jedes. Diese von Natascha an den verstorbenen Alex erinnernde Replik bildet schlussendlich eine absurde, finale Haltelinie des Stücks.

Nachdem der Schneefall aufhört, kränzen die fünf Überlebenden in der Betrachtung des Mondes und des Himmelslichts, der Sonne einen Heiligenschein. Violett aufscheinend, verdampft der Theaternebel die bis dahin körperlich und seelisch kristallin vereisten Nöte. Wundersame Zukunftshoffnungen: Ich bin die Sonne. Ich leuchte für alle. Jacques‘ letzte Worte, zum Publikum gesprochen, sind zugleich die ersten Worte, die bei Ciulli die Katharsis der modernen westlichen Gesellschaft beschreiben: Wir sind alle Schnee.

14.09.2021

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Der Maler-Fotograf Andreas Gursky

Über Andreas Gurskys Kunst des Fotografierens zu schreiben, ist, als wolle man Eulen nach Athen tragen. Seine bildmächtigen Arbeiten, sowohl nach Dimension des Maßes als auch nach deren Narrativ, zeigen eine Weltwahrnehmung, die uns merkwürdig bekannt vorkommt. Sie zeichnen das Bekannte als etwas, so noch nie Gesehenes.

Nach Beginn seiner Ausbildung an der Folkwang-Schule in Essen wechselt er an die Kunstakademie Düsseldorf. Ein Wechsel mit Folgen. In Essen geprägt durch Otto Steinerts subjektive Fotografie, erweitert Gursky sein fotografisches Selbstverständnis im Sinne einer stringent dokumentarischen Fotografie in der Fotoklasse von Bernd Becher. Das allein genügt ihm offenbar nicht. Sein Interesse fokussiert sich früh auf die Frage: Wann ist die Fotografie ein richtiges, welthaltiges Bild? Folgerichtig sucht er in der Bildhauerklasse von Klaus Rinke sowie in der des Malers Gerhard Richter nach künstlerischen Feedbacks auf sein sich entwickelndes Selbstverständnis als Maler-Fotograf. So nachzulesen im Ausstellungskatalog seiner ersten Einzelausstellung 1992 in der Kunsthalle Zürich.

Von daher verwundert es nicht, dass Gurkys Fotografien immer wieder mit Werken von Malern in Verbindung gebracht werden. Dieser kontextuelle Bezug verstärkt sich mit seiner digitalen Bildbearbeitung seit Mitte der 1990er Jahre. Aber, und das zeigt die aktuelle Ausstellung im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg (noch bis 30.02.2022) deutlich, sind Verweise auf Jackson Pollock, Barnett Newman oder Elsworth Kelly nur kunstgeschichtlich bemühte Beschreibungen. Sie können Gurskys unverwechselbaren Eigenen nicht wirklich gerecht werden.

In synthetischer Aneignung als auch aus kritischer Distanz zu Steinerts Subjektivität und Bechers Objektivität entsteht ein Werk, das den Blick auf die Phänomene des Alltäglichen wie des Globalen frei legt. Nähe und Distanz, Klarheit in der Kleinteiligkeit, letztlich Simulation einer real existierenden Umwelt, die im digitalen Transferprozess zu unrealen Realitäten werden.

Die Duisburger Ausstellung hat nicht nur aufgrund der Raumdimensionen und der unterschiedlich ausgewählten Arbeiten einen anderen Charakter als die bereits in Leipzig gezeigte. Sie hat eine starke emotionale Komponente: Aufgewachsen in Lohausen im Düsseldorfer Norden, begannen meine frühen fotografischen Streifzüge ins Ruhrgebiet immer in Duisburg, erinnert sich Gursky.

Die in Duisburg gezeigten Arbeiten sind von Gurskys Vorgabe geprägt, eine Ausstellung zu machen, die weitestgehend auf die ikonografischen Werke verzichtet. Sein eigener Lackmustest: Funktioniert die Ausstellung trotzdem? Sein eigenes, zufrieden bekennendes Ja in der Pressekonferenz zur Ausstellung findet letztlich mit jeder Fotografie eine Bestätigung.

Beginnend mit frühen Snap-Shot-Aufnahmen wie Klausenpass (1984), Mülheim a.d. Ruhr, Sonntagsspaziergänger (1985), häufig noch mit einer Plattenfilmkamera aufgenommen, tritt er mit Paris, Montparnasse schon 1993 in einen neuen Bildsprachenkosmos. Mit der Serie der Rheinbilder (1999) demonstriert Gursky seine digital transformierte Weltsicht, die sich mit F1 Boxenstopp (2007), Katar (2012) oder Kreuzfahrt (2020) bis in die Gegenwart fortsetzt.

Gurskys Fotografien sind nichts weniger als ein Plädoyer für ein bewusstes, skulptural fotografisches Denken. Auch dann, wenn er mit Apple und Bauhaus (beide 2020) kapitalistische Großkonzerne in den Mittelpunkt rückt, beharren seine Bilder in dem Bewusstsein, dass jeder Einzelne für diese unsere Welt gleichsam mit Haut und Haaren lebendig verantwortlich ist. Ihn interessiert als Künstler zuerst, wie die dargestellten Produkt-Objekte, abstrahiert als Kunst-Objekte, ästhetisch als Bild funktionieren. Und was sie uns dabei sagen können.

Gursky bearbeitet Bruchstellen seriell hergestellter Bilder, ohne dass sie das visuelle Erlebnis des Betrachters beeinträchtigen. Sie sind als solche einfach nicht zu sehen. Seine Bild-Totalen eröffnen dem Betrachter vielmehr assoziierende Wahrnehmungsperspektiven, die nur durch seine künstlerische Handschrift sichtbar werden. Das, was Gursky intuitiv als ein relevantes Bild, gewissermaßen in einem aufmerksamen Wachzustand erkannt hat, lädt die Besucher der Ausstellung ein, sein Vor-Bild mit der eigenen Weltsicht abzugleichen.

11.09.2021
photo streaming Andreas Gursky 

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Elias grandios

Musik unterschiedlicher Stile und Prägungen ist programmatischer Teil der Ruhrtriennale 2021. Ob Visionary Architects, wo architektonische Strukturen mit musikalischen in Beziehung gesetzt werden (Vision und Banalität vom 31.08.2021, hier veröffentlicht). Oder Michael Finnissy mit seinem 6-stündigen Opus Magnum The History of Photography in Sound bildhistorische Aspekte musikalisch aufgreift. Er verrätselt seine Komposition dicht und vielschichtig, legt mit dem Titel irreführende Fährten und verpflichtet sich einer Ästhetik, die mit Gegensätzen von Kleinteiligkeit und Überfrachtung beansprucht, mehr oder weniger polymusikalisch die Welt in stundenlangen, retardierenden Klavierarabesken zu deuten.

Eine berserkerhaften Aufgabe, die Ian Pace mit Lectures und Konzert in geradezu stoizistisch verinnerlichter Versunkenheit leistet. Selbst sechs Stunden auf zwei Tage verteilt, ist eine Anforderung, die vollständig sich offensichtlich nur sehr wenige in der Gebläsehalle Landschaftspark Duisburg-Nord zumuten. Hinter allem, so der bisherige Eindruck zur Halbzeit der Ruhrtriennale 2021, flackern Bilder des Dunklen, nicht schlüssig Benennbaren, angesichts multioptionaler Möglichkeiten der Lebensgestaltung zwischen Bejahung, Überforderung und Kapitulation.

In dieser Konstellation markiert die Aufführung des Konzerts Elias, Oratorium op. 70 von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Jahrhunderthalle Bochum eine Zäsur. Eine, die auch die Tradition der Musik Johann Sebastian Bachs nach jahrhundertelangem Schweigen durch Mendelssohn Bartholdy wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat. Mit Elias legt er ein überzeugend beredtes, respektive besungenes Zeugnis ab, wie sich barocke Strukturen mit romantischen Facetten zu einer Opulenz des Musikalischen und des Narrativen nachhaltig verbinden.

Die in der Elias-Rezeptionsgeschichte belegten Interpretationsperspektiven eines zutiefst menschlichen Werks sind für den Dirigenten und musikalischen Leiter von Chorwerk Ruhr, Florian Helgath, keine heiligen Kühe einer historisch informierten Aufführungspraxis. Chor und Concerto Köln, im Vergleich zur Uraufführung 1846 in Birmingham mit 125 Musikern und mehr als 250 Sängern kammermusikalisch intim besetzt, begeistern durch musikantisch inspirierte Imagination. Oper, Tanz, Oratorium – ein poetisches Gesamtkunstwerk.

Helgath ist mit seiner Interpretation jedem Gigantismus abhold. Zusammen mit dem Concerto Köln wird die an sich (gigantische) riesige Jahrhunderthalle zu einem meditativen Klangraum. Auch akustisch funktioniert der Raum perfekt. Sowohl das Aufbrausende, die Schreckensschreie Baal erhöre uns als auch das behutsam Erinnerte Der Herr ging vorüber gestaltet der Chor mit, man ist geneigt zu jubilieren, himmlischer Anmut.

Angefangen mit dem düsteren Schreitrhythmus der formidablen Blechbläser, Elias bekennt So wahr der Herr, finden Orchester und Chor schon mit den ersten Takten eine reiche tonale Klangfarbigkeit. Sie folgen den anspruchsvollen Spuren von Mendelssohn Bartholdy umstandslos. Geschmeidig die Pianissimo-Einsätze, punktiert Akzente setzend im Presto, immer gewärtig, die Elias-Erzählung so lebendig zu erzählen, wie sie in jedem Kapitel des Alten Testaments mit aller konsequenten Grausamkeit berichtet wird.

Bei einem solchen Gegenstand wie Elias muss das Dramatische vorwalten…. nicht aber um Gotteswillen ein Tongemälde daraus entstehen, sondern eine recht anschauliche Welt, wie sie im Alten Testament in jedem Kapitel steht (Felix Mendelssohn Bartholdy, 1838).

Elias‘ prophetische Dystopie Es soll diese Jahre weder Thau noch Regen kommen ist für Mendelssohn Bartholdy in ihrer doppelten Botschaft, christlich und jüdisch konnotiert, und hat gleichzeitig auch biografische Aspekte. In einer jüdischen Familie geboren, die der Tradition folgt, ohne sie streng religiös zu leben, befindet er sich in einem gesellschaftlichen Dilemma. Der Komponist Mendelssohn Bartholdy ist angesichts des Pamphlets Das Judentum in der Musik von Richard Wagner gesellschaftlich und musikalisch herausgefordert. Elias ist eine vehemente, unbedingte Antwort.

Zerreißet eure Kleider, aber nicht Eure Herzen! Die Mahnung des Hohepriesters Obadja, sich für moralisches und nicht für materialistisches Handeln einzusetzen, ist Mendelssohn Bartholdys einzigartig humanistisches Bekenntnis. Damit dekliniert er mit der Figur des Wanderprediger Elias (Un)Möglichkeiten polytheistisch analysierten Sittenverfalls mit trügerischen, wirtschaftlichen Vorteilshoffnungen für alle offenzulegen. Erst als die göttlich gesegnete Natur dem ungläubigen Volk Hunger und Krankheit bringt, ist das Entsetzen groß.

Aber Elias Prophetie erweist sich als Pyrhussieg. Der Opportunismus des Volkes treibt ihn in die Wüste, in eine einsame Verzweiflung. Chorwerk Ruhr singen sich im zweiten Akt mit Wehe ihm, er muss sterben! und Wer bis an das Ende beharrt bis zum charismatischen Der Herr ging vorüber in einen Klangrausch, wo Worte und Musik sich in eindrucksvoller Erhabenheit menschlicher Tragik zu einer Moderato-Maestoso-Apotheose aufrichten. Und in dem Säuseln nahte sich der Herr.

So wie Helgath aus dem Chor drei Frauenstimme sowie ein Septett des Chores wählt, damit das Dramatische kontrastierend sensibilisiert, so folgen die Solisten in großer Vertrautheit mit der Partitur und mit ebensolchem Vertrauen ihm selbst. Wenn Michael Nagys Bariton mit sorgfältig ausbalanciert gestimmter Empfindsamkeit So ihr mich von ganzem Herzen suchet lyrisch vibriert oder mit Verve Rufet lauter! Denn er ist ja Gott!kämpferisch selbstbewussttönt, zieht der Sänger mit einer ausgreifenden Intensität das Publikum in seinen Bann. Keine Stecknadel wäre in der Jahrhunderthalle zu hören gewesen. Es ist genug versus Es ist vollbracht. Mendelssohn Bartholdy antizipiert kompositorisch Johann Sebastian Bachs Choral aus der Johannespassion. Nagy ist ein kongenialer, sängerischer Multiplikator.

Neben dieser umfangreichen Elias-Partie muss der Tenor Werner Güra in seinen relativ wenigen Einsätzen genau auf den Punkt präsent sein. Er tut das mit klarer, deutlicher Diktion des Ausdrucks mit Überzeugung. Den Solistinnen Carolina Ullrich (Sopran) und Anke Vondung (Alt) zu attestieren, sie würde das Solisten-Quartett vervollständigen, wäre mehr als unverzeihlich untertrieben.

Im Rezitativ und Arie Was hast Du mir getan glänzt Ullrichs Sopran, wie sie im Duett mit Nagy, in dem Elias das Kind der Witwe zu neuem Leben erweckt, von seiner von Gott geleiteten Kraft heilt: Nun erkenn ich, das du ein Mann Gottes bist.

Die fragende, Elias‘ Prophetie bezweifelnde Königin – Warum darf er weissagen im Namen des Herrn? –interpretiert Vondung mit maliziöser Hoffärtigkeit. Er hat den Himmel verschlossen…. So ziehet hin und greift Elias, er ist des Todes schuldig.

Mendelssohn Bartholdys Kompositionskunst, die nicht nur das Ereignis selbst in Musik übersetzt, sondern einen Überwältigungspathos des Volkes spiegelt, haben sich Orchester, Chor und die Solisten in einer denkwürdigen Interpretation als Gemeinschaftsarbeit zu eigen gemacht.

Elias, ein Oratorium, das eigentlich eine Grand opéra ist. In jedem Fall großartige Musikkunst dargeboten von Helgath & Co.

10.09.2021

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Uneasy easy listening

Vijay Iyer, Uneasy © ECM 2021

Uneasy titelt die neue CD von Vijay Iyer programmatisch. Es scheint, als suche er zusammen mit Tyshawn Sorey (dr) und Linda May Han Oh (b) Ordnung in die Unruhe zu bringen. Keine Ordnung behaglicher Ruhe in unruhigen Zeiten, sondern Möglichkeiten zu suchen, sich zu verhalten, zu positionieren.

Im CD-Beiheft zitiert Iyer einen Vers von Rita Dove: While in the midst of horror/we fed on beauty – an that/my love, is what sustained us. Mit dieser Haltung macht Iyer sich mit den genannten kreativen Protagonisten der New Yorker Szene kampfeslustig (Combat Breathing) auf die Suche nach den Kindern aus Feuerstein (Children of Flint). The child in himself? Wir haben zusammen eine Energie, die sehr eigen ist, gibt er weiterhin zu Protokoll.

Außer Geri Allens Drummer’s Song sowie Cole Porters Night And Day spielt dieses enigmatisch raunende, kraftvoll interagierende Trio Iyer-Kompositionen der letzten 20 Jahre. Nichts gilt ihnen allein das ätherisch Feinsinnige. Es sind handfeste, häufig sozial brisante Hintergründe, die sich hinter den Titeln manifestieren. Sie navigieren durch Tag und Nacht. Ahnungsvoll lesen sie Vorzeichen (Augury), betrauern sie für Momente (Entrustment), um straight ahead sich neu zu fokussieren (Retrofit).

Die kommunikative Trio-Struktur folgt einer nachhaltigen Rhetorik. Iyers melodische Vorgaben haben etwas von einem Sämann. Die ausgestreuten Körner imprägniert May Han Ohs Piano mit solistischem Empowerment, von Sorey zu architektonischen Klangräumen moduliert. Der Geist der drei Musiker weht, so der assoziative Eindruck, in musikalischen Wellenbewegungen wie er will. Virtuos, energetisch aufgeladen, konfigurieren sie rhapsodische Fixpunkte (Configuration).

Uneasy ist bei aller energischen, kämpferischen Behauptung des Unruhigen im Kontext des Prekären der Zeiten zwischen dem Gestern, Heute und Morgen letztlich zerbrechlich zart und empathisch gestimmt. Vijay Iyer, Tyshawn Sorey und Linda May Han Oh arrondieren intuitiv erfahrene (auch für den Hörer erfahrbare) Räume, in denen sich der thematische Fokus unaufhörlich verschiebt und Raum gibt, mit Improvisationen hinter den Spiegel des scheinbar Verlässlichen zu schauen.

Der zuvorderst im CD-Beiheft abgedruckte Textausschnitt aus The Statue of Liberty (2012) von Edward Berenson –  Were remembered more explicity, it might be a way of injecting something positive into our political situation that has become so troubled today – beschreibt das, was auf Uneasy zu hören ist.

09.09.2021

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Runen in Musik zu buchstabieren

Sinikka Langeland, Wolfe Run © ECM 2021

Sinikka Langeland zuzuhören, ist wie eine meditative Reise in einen mythisch verzauberten Wald (When I Was The Forest). Gestimmt mit dem eigentümlich flirrenden Klang der Kantele, einer griffbrettlosen Kastenzither, singt sie sich mit sinnlicher Aufmerksamkeit durch das Runen-Alphabet ihrer norwegischen Heimat: Row My Ocean.   

Die Songs der ersten bei ECM veröffentlichten Solo-CD Wolfe Run haben eine suggestive, magische Kraft. Musik als poetisches Gebet, als Beschwörung der Natur. Etwas Geheimnisvolles liegt darüber wie ein traumverlorener Schleier. Facetten transkultureller Aufmerksamkeit, mitunter etwas zu übermäßig esoterisch aufgeladenen, breiten sich wie ein überirdisch harmonischer Soundteppich über die Songs aus.

Langeland beschwört Rituale wie ein Gebet (Kantele Prayer), als würde sie das Vokabular von mythischen Zeichen, Runen buchstabieren (Moose Rune). Sie scheut sich auch nicht, dabei mit folkloristischem Pathos zu malen. Manchmal durchaus gewöhnungsbedürftig für das rational aufgeklärte, nüchterne Hören mit westeuropäischen Ohren (Polsdance from Finnskogen).

Nicht jene sich eher im angestrengten, überdehnten Unbedingten verlierenden Wahrheiten sind Langelands Referenzmarken. Sie deutet Raum-Zeit-Dimensionen an, ohne auf scheinbar verlässliche, letztlich aber enttäuschende Erklärungen zu zielen.

Don’t Come To Me With The Entire Truth, sondern ontologisch vielseitig das beleuchten, von dem man sagen könnte, dass es das Leben sei. Langeland kompiliert eigene Lieder, geprägt von hymnischer Folklore sowie Tänzen, die sich mit einer schamanistisch facettierten Attitüde im Vertrauen auf kosmische Heilkräfte zu einem lichtdurchflutenden Klang verbinden (I See Your Light). Sie lässt sich selbst immer wieder vom Ergebnis ihres Kantele-Sounds überraschen. Es ist eine Herausforderung herauszufinden, wie viel Musik man mit wenigen Saiten machen kann.

Mit Wolfe Run löst Langeland ein zwar formal nie gegebenes, gleichwohl sich aufdrängendes Versprechen ein, dass zwischen dem Konzert während des Jazzfestes Berlin 2019 in der Gedächtniskirche (The Genome of Sonic vom 11.12.2019, hier veröffentlicht) und der CD-Veröffentlichung kein Unterschied von Authentizität und Unmittelbarkeit besteht.

08.09.2021

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Mantlers kreatives Re-Processing


Michael Mantler, Coda – Orchestra Suite © ECM 2021

Die Bezeichnung Coda in der Musik verweist auf ausklingende, episodische Phrasierungen. Charakterzüge eines Werkes werden noch einmal aufgegriffen und in anderer Notation zusammengefügt.

Coda, so heißt die neue CD von Michael Mantler. Die einzelnen Titel deklinieren in dem genannten Sinn seine Kompositionen der letzten 50 Jahre noch einmal neu. Man könnte es auch als Neuinterpretation einer musikalischen Haltung zum eigenen Werk bezeichnen. In großen Teilen ein schon in sich abgeschlossenes. No. I think I‘ve said what I have to say, antwortet Mantler, im Beiheft nachzulesen, auf eine entsprechende Frage.

Die ersten Takte von TwoThirteen Suite öffnet weit Türen in diesen universalen Kosmos. Wer zuvor die LP Something there, die Mantler 1983 mit The London Symphony Orchestra sowie mit Solisten wie Carla Bley  oder Steve Swallow, die bis heute Weggefährten geblieben sind, aufgelegt hat, kann sich davon unmittelbar überzeugen lassen.

Mit Re-Processing, Re-Using älteren Materials aus verschiedenen Perioden von Mantlers Schaffen lotet er mit seinem typischen Trompetenklang neue Kontexte ausgewählter Werke aus. Neu arrangierte Instrumentalsätze führen zu diesen eindrucksvollen Orchestra Suites. Christoph Cech dirigiert ein Kammerorchester, das in klassischer Besetzung (Flöte, Oboe, Klarinette, Waldhorn, Tuba, Vibraphon und Streichergruppe) mit exzellenten Jazz-Solisten zu einem Mantler-Jungbrunnen-Sound zusammenführt.

Dass selbst Kompositionen, die sich auf Texte von Literaten wie Giuseppe Ungaretti (Cerco Suite) und Paul Auster (Hide Seek Suite) beziehen, ohne Worte auskommen, sie nicht wirklich vermissen lassen, sich allein auf musiksprachliche Ausdrucksformen verlassen können, spricht für ihr kreatives Potential.

Wenn, wie in Alien Suite der Gitarrist Bjarne Roupé im Dialog mit dem Orchester collagenartig referiert, der Flötist Leo Eibensteiner kommentiert, Mantlers Trompete den Sound überstrahlt und David Helbocks Klavierspiel die schwebende Spannung aufnimmt, ist beispielhaft ein genuines Update zu hören.

Nicht nostalgisch schwärmen, sondern sich immer wieder neu erfinden. Coda. Orchestra Suites weist, so verstanden, weit über Mantlers Selbstverständnis als Komponist und Musiker auf eine Lebenshaltung hinaus, über die sich überhaupt, auch außerhalb des Musikkontextes, nachzudenken lohnt.

07.09.2021

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Von Toten, die nicht tot sind

Barbara Freys Inszenierungen kann man als Expeditionen in die Abgründe und Tiefen der menschlichen Seele ansehen. Ihre Intentionen überschreiten den üblichen theatralen Raum von Spiel und Narration. Sie erweitern ihn vielmehr in Wahrnehmungssphären, die dem Unbewussten, dem Traumartigen, dem Unsagbaren Ausdruck zu geben suchen.

Ihre Auseinandersetzung mit Texten von Edgar Allan Poe (Untergang, Abschied, Aufbruchvom 25.08.2021, hier veröffentlicht)sowie von James Joyce in Die Toten sind sprach- und musikanalytisch konnotierte Elegien von Wach- und Albträumen. Sie werfen, empathisch gedimmt, lichte Facetten in die Dunkelheit menschlicher Abgründe. Überreizt von katastrophischen Visionen und Wahnbildern, leergelaufen in der Realität von Licht und Schatten, orientierungslos sich selbst verloren gegangen.

In Hell-Dunkel-Schattierungen, wechselnd mit bläulichem Dunkelrot (Licht: Rainer Küng), lässt Freys Inszenierung die Trennung der Toten von den Lebenden obsolet werden. Die symbolisch kreisende Bühne von Martin Zehetgruber suggeriert ein unendliches, unzertrennliches Band zwischen dem im Heideggerschen Sinnins Leben Geworfen-Sein und dem leiblichen Sterbenmüssen.

Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Dieser erste Satz aus Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster paraphrasiert Freys von einigen Kritikern als Séance bezeichnete Joyce-Hommage. Dass die Regisseurin in der Literatur Reflexions- und Assoziationskoordinaten findet, wird noch deutlicher im 11. Gesang der Odyssee: Jetzo kam des alten Thebaiers Teiresias‘ Seele… Warum verließest du doch das Licht der Sonne, du Armer, und kamst hier, die Toten zu schaun und den Ort des Entsetzens?

Warum der schmerzbeladene Weg in die Unterwelt? Was sucht Joyce, Odysseus folgend, bei den Toten? Freys Protagonisten, die sich alljährlich zu Epiphanias bei den drei Damen des Hauses Morkan treffen, lassen das Leben in somnambulen Tänzeleien mehr oder weniger emotionslos passieren. Ihrem Lieblingsneffen Daniel Conray (Klaus Brömmelmeier, distinguierte Ratlosigkeit charakterisierend)  offenbart seine Gattin Gretta (Lisa-Katrina Mayer mit sprachlich akzentuierter Noblesse), dass sie in ihrer Jugend einen jungen Mann geliebt hat, wie danach niemanden mehr, und der ihretwegen gestorben ist. Ich habe das eigene Land satt, resigniert Conray larmoyant kraftlos.

Das für immerdar verlässlich gehaltene Kreisen um die großen und kleinen Themen der Wirklichkeit erfährt einen radikalen Einbruch. In Sicherheit suggerierender Gewohnheiten eingerichtet, verliert die schöne, geschönte Welt der Lebenden durch Tote ihre Koordinaten.  Ach, wen vermögen wir zu brauchen?…..es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treuesein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging, heißt es bei Rainer Maria Rilke in der Ersten Duineser Elegie.

Rilkes elegische Sprache ist ebenso wenig nur eine erzählende, wie die von Joyce. Diesen Kontext konstatierend, dekliniert Frey eine vitale, wirkmächtige Kraft von Die Toten als elegische Séance. Sprache überschreitet die Grenze des allein Gesprochenen. Sie wird übergangslos zu Musik. Mit den Worten der Dramaturgin Judith Gerstenberg: Mit der Suggestionskraft des Wortes die Sprache zum Klingen bringen.

Dass gleichzeitig auch Musik in dieser Interpretation als Sprache erlebt werden kann, dafür hat sich Frey mit Jürg Kienberger, der sich selbst als Musikspieler bezeichnet, eines offensichtlich intellektuell verwandten Partners versichert. Kienberger, im legendären Waldhaus in Sils-Maria sozialisiert, inspiriert von der dort herrschenden, Kunst affinen Atmosphäre, autodidaktisch professionalisiert, steht für eine künstlerische Haltung, die man gemeinhin als eine dem Gedanken des Gesamtkunstwerks verbundene bezeichnet. Die unmittelbare Nähe zum Nietzsche-Kosmos in Sils-Maria mag das Ihre dazu beigetragen haben (Der Fall Wagner – Eine philosophische Busreise mit Friedrich Nietzsches Zarathustra im Gepäck vom 19.08.2013, hier veröffentlicht).

Das Ensemble dieser Inszenierung – Freys Abschiedsvorstellung Im Pfauen, Schauspielhaus Zürich, jetzt in der Jahrhunderthalle Bochum ihre Intendanz der Ruhrtriennale als Regisseurin umklammernd – bietet eine Phalanx exzellenter Sprach-Spiel-Künstler auf. Die Inszenierung bringt mit Michael Maertens sonor tönender Präsenz, Claudio Körbers sprachrhythmischen Exerzitien sowie Elisa Plüss‘ mitunter lautmalerischen Musiksprache-Koloraturen etwas zur Sprache, was sich ihr eigentlich entzieht. Sprache versinnbildlicht sich zu klangfarbigen Aerosolen, schillernd im Zwielicht eines irgendwie enervierend raunenden Unsagbaren.

04.09.2021 

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Vision und Banalität

Die Intendantin Barbara Frey versteht die Ruhrtriennale der Jahre2021 bis 2023 dezidiert programmatisch als ein Festival der Künste. Es ist ein großer und ansteckender und vielleicht unheimlicher Gedanke, dass jede Reise in die Sphäre der Künste verbunden ist mit der Einsicht in das Nichtkennen, das Nichtwissen – und der gleichzeitigen Bereitschaft, dies so anzunehmen und auszuhalten. So in ihrem Vorwort zum Programm zu lesen.

Die Installation 21 – Erinnerungen ans Erwachsenenwerden von Mats Staub in der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum kann man exemplarisch gewissermaßen als Nagelprobe hören und sehen. Normal kann ich nicht….Je älter ich werde, umso mehr habe ich das Gefühl, letztlich nichts zu wissen….Man kann nicht mit jedem gut sein…. Zu sich finden, ist heute sehr schwer. In dieser Auswahl von Reflexionen der von Staub aufgenommenen Statements, die er den Protagonisten Jahre später vorgespielt und sie dabei mit ihren gestisch mimischen Reaktionen gefilmt hat, fokussieren sich individuelle Lebensreiseerfahrungen in der unendlichen Sphäre der Künste.

Staubs immersive Installation könnte man in diesem sphärischen Kontext als eine Brücke zum Dialog Natur und Erlösung von Lukas Bärfuß mitder Professorin für Nachhaltigkeit Mi-Young Becker im Museum Folkwang Essen ansehen. Dabei offenbart sich augenscheinlich ein Dilemma: Die Aporie der Moderne. Bärfuß hinterfragt Beckers Verständnis im Rahmen einer sogenannten ökologischen Ökonomie. Die positivistische Konnotation, wie sie in Heisenbergs Unschärferelation formuliert ist und in Beckers Eingeständnis – Wir handeln immer im Kontext der Unsicherheit. – beschrieben wird, offenbart einen grundlegenden Dissens. Das Gute wollen, aber nichts Gutes schaffen… Wir wissen ganz existentiell nicht, was richtig ist.

Diese Replik Bärfuß‘, mit der die kapitalistische Verwertungslogik in Frage stellt und nach einer (vielleicht?) lebensnotwendigen Spiritualität fragt, erhellt das Dilemma, das sich aus der Dialektik der Aufklärung ergibt. Um diese Differenz aufzulösen, so seine Überzeugung, müssen wir Pioniere in der eigenen Sache werden. Aber wie gehen Visionen, wie praktikabel können sie im Eingeständnis wissenschaftlicher Unsicherheit und ihrer statistischen Interpretationsspielräume sein? 

Aus der Vielfalt künstlerischer Visionen haben die Bochumer Symphoniker mit ihrem neuen Generalmusikdirektor Tung-Chieh Chuang mit dem Konzertprogramm Visionary Architects eine Zeitreise durch Architektur und Musik konzipiert. Das meint nichts weniger, als ein Gebäude aus Musik, Räume aus Klang in einen Dialog zu stellen. Musikhören wird wesentlich beeinflusst von der Akustik des Raumes, von der den Raum aufladenden, mehrdimensionalen Klangfülle.

Le Courbusiers konzeptionelle Idee für den Bau des Philips Pavillons für die Weltausstellung 1958 in Brüssel ist keine architektonische allein. Inspiriert und fasziniert von einer synästhetischen Komplexität, schwebt ihm eine Licht-Bild-Klang-Synthese vor. Mit Edgar Varèse findet er einen Bruder in seinem Geiste. Mit dem achtminütigen Le Poème électronique sucht Varèse einen Weg, das Innere des Klangs zu erschließen. Ein panoptisches Prinzip, dem kein Narrativ zugrunde liegt. Allein konkrete Klänge der Lebenswelt, elektronisch bearbeitet, die, wenn man so will, das Nichtwissen klanglich umkreisen.

Der vom Sound Designer Kees Tazelaar 5-kanaligen Version aufmerksam wie das Publikum in der Jahrhunderthalle lauschend, steht Tung-Chieh Chuang von Konzertbeginn an auf dem Pult. Mit dem letzten verklingenden Varèse-Raumton setzt er mit Iannis Xenakis‘ Komposition Metástatseis übergangslos fort. Eine Wanderung auf den architektonischen Grundstrukturen von Le Corbusier/Varese. Dualität inhärenter Musikalität, die mit spiegelsymmetrischen Klangflächen Klangraumexpeditionen widerspiegelt. Töne, Klänge und Geräusche verbinden sich zu dichten Klangwolken, Liniengeflechten und Klangschwärmen, urteilt Rudolf Frisius nach der Uraufführung 1955 bei den Donaueschinger Musiktagen.

Wie ein Fels steht abschließend Anton Bruckners Sinfonie Nr. 2 c-Moll (Fassung 1877) in der Brandung – Gebäude aus Musik, Räume aus Klang. Beginnend mit den für ihn typischen, vibrierenden Klangflächen der Streicher, die mit den Tutti-Steigerungen eine dynamische Entwicklungslinie erreichen, werden die Themenblöcke durch Generalpausen voneinander getrennt.

Tung-Chieh Chuang liest die Partitur in diesem Sinne stellenweise fast überkorrekt. Seine Interpretation hört sich an wie eine Zen-buddhistische Meditation über einen, wie man meint, so noch nie gehörten Brucknerklang. Der zweite Satz Andante. Feierlich bewegt, strömt mit breit gefächerten Streichern ausdrucksschwer langsam. Tung-Chieh Chuangs Dirigat umarmt Bruckner mit einem überirdisch klingenden Adagio. Eine Gebärde der Stille, die Varèse und Xenakis subtil einschließt.

Der lapidar derbe Rhythmus des Scherzos kommt ohne Wiederholungen aus. Aus sehr kleinen Facetten baut sich trotzdem eine bedrohliche Spannung auf. Mit kreisenden Bewegungen, eingeführt mit mächtig auftrumpfenden Tutti, durchmisst das Finale große, von ebensolchen Generalpausen charakterisierte Steigerungsblöcke. Letztlich triumphiert, zyklisch abgerundet, Bruckners Klang-Apotheose mit einer lärmenden Stretta.

Gleichzeitig löst sich eine optisch während der Sinfonie verfolgte, vom Schreiner dieses Textes beunruhigend wahrgenommene Spannung. Über die sich ständig aufblätternd Partitur streicht Tung-Chieh Chuangs linke Hand immer wieder dämpfend über die Seite. Die beobachtete Banalität der Partitur(-Architektur) in dieser Aufführung von Visionary Architects wird so unter der Hand zu einem Narrativ, das programmatisch in diesem Konzert eigentlich obsolet sein sollte.

31.08.2021

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Tingvalls Dance – ein Halleluja der besonderen Art

Die 1972 erbaute Evangelische Friedenskirche in Ratingen versteht sich als ein Haus, das die Träume verwaltet. Sie sind so bestimmt wie unbestimmt. Die Antwort darauf bleibt jedem Einzelnen überlassen. Subjektiv in seinen Empfindungen bezüglich den jeweiligen religiösen Vorstellungen von Gott und den Menschen.

Diesen Geist des Träumerischen spürt man selbst dann noch, wenn der Kirchenraum zu einem Ort der Begegnung außerhalb des Ritus eines Gottesdienstes wird. Beispielsweise in den in loser Folge angebotenen Jazzkonzerten. Das Konzert des Martin Tingvall Trios klingt wie ein musikantisch jubilierendes Halleluja. Vor der silbrig glänzenden, das Erdenrund assoziierenden Himmelsscheibe hat man, vom ersten Titel ihres neuen Albums Dance an, den Eindruck, als wollten Martin Tingvall (p), Omar Rodriguez Calvo (b) und Jürgen Spiegel (dr) die ganze Welt umarmen.

Das seit vielen Jahren in dieser Besetzung spielende Trio strotzt vor Selbstbewusstsein. Es ist, als würden sie dem Publikum aufmunternd und ohne plumpe Anbiederungsaffekte zurufen: Hej, wir sind für Euch da. Dance as grooving dreams, kommt einerseits mit schwedisch inspirierter Volksliedhaftigkeit träumerisch daher. Andererseits malen die Musiker mit spanischer (Spanish Suite) oder karibischer (Cuban SMS) Klangfarbigkeit.

Oder sie erzählen Geschichten, die Tingvall aus seiner Kindheit erinnert, etwa Comics, in denen Schwertkämpfe von Rittern seine Phantasie bis heute beflügeln (Rittarden). Spätestens mit diesem fünften Set verstetigt sich das kontrastierende Sounding als pure Spielfreude. Motivisch von Tingvall mit tiefenentspannter Überzeugung angestimmt, phrasiert Spiegel lyrisch kommentierend mit dezidierten Jazz-Besen-Drum-Betonungen, andererseits mit kraftvollem, energiegeladenem, mitunter  geradezu berserkerhaft anmutendem Ganzkörpereinsatz. Von Calvo mit geschmeidig gesetzten Bass-Lines reflektiert, durchklingt ein für ihr Spiel typischer Sound die Kirche. Man glaubt hören zu können, wie die Himmelsscheibe diesen Sound in die Welt reflektiert.

Dabei ist eine wunderbare Entdeckung zu machen. Neben den Jazz-Granden Tingvall und Spiegel behauptet sich Calvo nicht nur auf Augenhöhe des Mitspielens. Sein Bassspiel glänzt durch elegante Noblesse und Ästhetik, die für sich allein schon faszinierend anzuschauen ist. Verbunden mit souverän gesetzten Betonungen, raunt und fabuliert sein Bass mit ausdrucksstarkem Melos.

Allen Musikern wird immer wieder Raum zum solistisch kadenzierten, improvisierten Gestalten eingeräumt. Dabei auf den Trio-Sound fokussiert, steht letztendlich ein Dance affiner Tingvall-Trio-Klang. Calvo entwirft ungewöhnliche Soundräume. Wenn er in Cuban SMS den Bogen rückwärts über die Saiten zieht, flirrt der Bass in klangvoller Helle. Spiegel liefert, charakterisiert durch eine flexible Mischung von Stakkato-Heftigkeit wie mit hintergründig gedämpftem Moderato, eine rasante Drum-Performance ab.

Last, but not least durchträumt Tingvall, beispielhaft in Arabic slow Dance, mit frappierender Selbstverständlichkeit die Klaviatur, wie er locker und gelöst zwischen einzelnen Songs von den Geschichten hinter den einzelnen Titeln erzählt. Vägen (Der Weg), eine Komposition, die ihn mit jedem Konzert wieder auf neue Art und Weise zu seinen musikalischen Wurzeln führt, bildet auch in Ratingen das programmatische Tingvall-Finale. Dass erst nach zwei Zugaben wirklich Schluss ist, versteht sich angesichts des begeisterten Publikums fast von selbst.

29.08.2021

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Zwischen Nacht und Morgendämmerung

Thomas Strønen /Ayumi Tanaka/Marthe Lea, Bayou © ECM 2021

Mit Bayou setzt Thomas Strønen(perc) seine mit dem Ensemble Time is A Blind Guide begonnenen Sound-Expeditionen fort. Zusammen mit seiner Mitstreiterin Ayumi Tanaka (p) hat er mit Marthe Lea (cl, voc, perc) eine exzellent empathische Musikerin gewonnen. A fresh and open music labelt ECM diese Einspielung zu Recht.

Strønens Selbstaussage, die eigentliche Intention dieser Trio-Aufnahme sei es, den Boden zu erkunden, ….., ohne den Druck zu haben, etwas zu sein oder sich in etwas zu verwandeln, übersetzt der titelgebende Track Bayou in eine Sound-Typik, die ein stehendes, langsam fließendes Gewässer bezeichnet. Tanaka deutet mit sanfter Zärtlichkeit Klangräume an, von Strønen perkussiv kommentiert und von Lea vokalisiert. Mitunter sind es nur metaphysisch aufgeladenen Sound-Facetten, die in Mikro-Dimensionen musikalisch arrondierte Wunderwelten zwischen Orient und Amerika skizzieren (Pasha; Duryea).

Je länger man dieser CD zuhört, umso mehr wird man wie in einem Sog durch Wälder, Flüsse und Berge getragen. Vogelfrei fliegen mit spiritueller Leichtigkeit. In unbewussten Tiefen der Seele verborgene Emotionen und Phantasie werden als lichte Erkundungen in Varsha oder Dwyn wie Meditationen zelebriert. Zerbrechlich wie wertvolles Porzellan formen sich Töne zu klangfarbigen Kristallen.

Bayou (II) repetierend, entschweben Strønen, Tanaka und Lea schlussendlich mit Chantara in einem universalen Nirwana, das mit seinem perkussiven, vokalen und pianistischen Sounding Rebecca Horns skulpturale Hauchkörper assoziiert. Poetisch mit melancholischer Leichtigkeit.

Bayou, eine CD, die einlädt, die Nacht bis zur Morgendämmerung in zyklischen Wiederholungen zu durchdämmern.

26.08.2021

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