Auf dem Weg zum Bucerius Kunst Forum in Hamburg, aus der U-Bahnstation Jungfernstieg ans nachmittägliche, spätsommerliche Licht, lädt der Straßenmusiker Edward Hughson mit Liedern aus dem American Songbook umstandslos zum Verweilen ein. Dass sich dieser musikalische Stop-over in der Ausstellung Von Monet bis Picasso – Jüdische Kunstsammler:Innen in Deutschland fortsetzt, lässt den Ausstellungsbesuch zu einer außergewöhnlichen Zeitreise werden.
Beinahe im beginnenden Abendlicht draußen die Zeit verträumt, überraschen drinnen musikalische Collagen zwischen Minimal Music und Improvisation. Der Ausstellungsrundgang erweitert sich zu einer meditativ assoziierenden Bild-Klang-Zeitreise durch die schicksalhaft konnotierten fünfzehn Sammlungen. Anders als sonst, nimmt man die ausgestellten Werke neben den Augen auch mit den Ohren wahr. In ausgedehnten Pausen, beispielsweise vor Max Liebermann, Selbstportrait mit Pinsel und Palette (1908) nachdenklich versunken, zeigt sich erst später, dass das Ausstellungsprojekt mit dem Katalog im Nachhinein Form und Struktur angereicherte gewinnt.
Hier ist auch zu erfahren, dass zurzeit parallel Ausstellungen zu jüdischen Sammlungen im Museum der bildenden Künste in Leipzig und im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen sind. Sie unterstreichen sowohl die damit verbundene kulturhistorische Leistung der Sammler als auch das nach 1945 teilweise bis heute anhaltende gesamtgesellschaftliche Klima von Verdrängung und Verschleierung. Beide Ausstellungen fokussieren eine kultur- sowie sozialhistorische Lücke, die von Enteignung, Verfolgung und Ermordung geprägt ist.
Während die Ausstellung Vier Wände voller Kunst. Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig (29.09.26 bis 31.01.2027) unmittelbar direkt eine unmissverständliche Perspektive anbietet, schlägt sie im Bucerius Kunst Forum in Hamburg Von Monet bis Picasso – Jüdische Kunstsammler:Innen in Deutschland (11.09.26 bis 29.03.2027) einen dem Anliegen wenig angemessenen Genderton an. Das ist deshalb ärgerlich, da Inka Bertz in ihrem Katalogbeitrag in Referenz zu Walter Benjamins Passagenwerk das generische Maskulinum in einer Fußnote, gewissermaßen durch die Hintertür, als paradigmatische Denkfigur des Sammlers begründet. Wie auch immer im Einzelnen über eine geschlechtergerechte Sprache und Schrift gestritten werden kann, sollten Texte eindeutig positioniert sein. Die Kuratoren Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff formulieren im Beitrag Zur Ausstellung inkonsequent. 15 Sammler und Sammlerinnen (in der Ausstellung) versus (das Leben) deutscher und jüdischer Sammler:innen.
Fragen und Kontexte der Ausstellung – Wie wird man eigentlich zum Kunstsammler? – erschließen mit einzeln ausgewählten Katalogtexten vielfältige Antwortperspektiven des Sammelns. Kunstwerke können um ihrer selbst willen obsessiv wirksam werden, wie sie andererseits auch als eine verlässliche Wertanlage angesehen werden können. Im besten Fall fallen Ästhetik und Ökonomie zusammen. Künstler, ihr Werk und ihre Biografien faszinieren Menschen schon immer.
Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum fokussiert diese doppelte Perspektive im Kontext politischer Gewaltherrschaft in ihrer damit verbundenen existentiellen Dramatik zwischen Leben und Tod. Die Geschichten der ausgewählten Sammlungen sind exemplarisch wie programmatisch intendiert. Sie spiegeln anhand der Persönlichkeiten und ihrer individuellen Lebenswege das Betriebssystem Kunst nachhaltig und transparent wider. Sammeln von moderner Kunst als kulturelle Leistung, verbunden mit der Idee, Kultur und Bildung zu fördern, wird in der Ausstellung überzeugend reflektiert.
Nichts weniger als die Annahme, dass eine Kunst, die sich im zeithistorischen Kontext dem damaligen Zeitgeschmack entzieht und Wagnisse eingeht, wie es die jüdischen Sammler vorgelebt und damit gesellschaftliches Bewusstsein gefördert haben, löst die Ausstellung überzeugend ein. Die Sammlungen sind einem humanistischen Bildungsideal verpflichtet, das auf Begeisterung für Neues, Freude an Entdeckungen und dynamisch wachsender Kennerschaft beruht. Die diesem Sammeln innewohnende magische Enzyklopädie des echten Sammlers -, von Benjamin zwischen Sammeln und Handeln unterschieden -, wird unter dem nationalsozialistischen, antisemitischen Enteignungs- und Entrechtungssystem zu existentiellen Handlungszwängen. Durch diese erzwungene Transformation in Ware sowie die damit einhergehende Eliminierung des sammelnden Subjekts verliert die Sammlung als Zufluchtsstätte der Kunst ihren Wert.
Wie der utopische Ort der Befreiung der Dinge von ihrem Warencharakter in privaten Sammlungen (nach Benjamin) verloren gegangen ist und nach 1945 auch nur bruchstückweise rekonstruiert werden konnte, davon erzählen die namentlichen Sammlungen mit ihren mehr als 100 Gemälden, Grafiken und Skulpturen vom Realismus über den Impressionismus bis zum Expressionismus und Neuer Sachlichkeit.
Hinter dem öffentlichkeitswirksamen Ausstellungstitel Von Monet bis Picasso ist die facettenreiche Geschichte der Avantgarde mit hochkarätigen Werken von Paul Cezanne, Ernst Ludwig Kirchner, Max Liebermann, Paula Modersohn-Becker, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Edvard Munch, Ferdinand Hodler oder Erich Heckel zu entdecken. Fotografien der Sammler aus verschiedenen Lebensphasen ergänzen die Werke mit historischem Zeitkolorit.
11.10.26





















