„Kirchner zeichnet“ in Borken, malt in Wuppertal

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Wer in die Ferien ins Emmental fährt, könnte schon in Tägertschi aussteigen. Nicht des Käses wegen. Von Tägertschi aus, dem letzte Halt der Bahn vor dem Emmental,  sind es nur wenige Kilometer bis Wichtrach/Bern. Dort verwaltet die Galerie Henze & Ketterer AG das Archiv des Gesamtkunstwerks von Ernst Ludwig Kirchner. Als GHK Galerie Henze & Ketterer & Triebold hat sie in Basel/Riehen in unmittelbarer Nähe zur Fondation Beyeler eine Depandance.

Es  ist ein Beispiel dafür, wie Gegenwartskunst und Archivarbeit am Beispiel eines herausragenden Künstlers der Avantgarde des 20. Jahrhunderts sowohl im provinziellen Abseits als auch an einem High culture point of art  repräsentativ miteinander verbunden werden können.

Auf diesem Hintergrund stellt sich so manchem wohl die Frage, wie die Ausstellung Kirchner zeichnet ihren Weg ins Stadtmuseum Borken in Westfalen gefunden hat. Die Antwort ist naheliegend und verblüffend zugleich. Kein Ernst Ludwig Kirchner kommt einfach so in ein Stadtmuseum, das bisher nicht durch Ausstellungen zur Avantgarde-Kunst aufgefallen ist. Wenn aber die Leiterin des Stadtmuseums Borken, Dr. Britta Kusch-Arnhold und der Kirchner-Nachlassverwalter und Galerist Dr. Wolfgang Henze ihre freundschaftlichen Kontakte nutzen, um den Ausstellungsweg in die Provinz zu ebnen, ist ein überregionales Interesse zu erwarten.

Kirchner zeichnet hat im Stadtmuseum Borken die intimen Räume zur Verfügung, die die Zeichnungen in ihrer gestisch präsenten Unmittelbarkeit wirksam werden lassen. Eingangs- bzw. Ausgangsraum, je nachdem wie man die Ausstellung betritt, auf violett bzw. dunkelblau gestrichenen Wänden wird der Blick auf die Zeichnungen, neben Feder mit Tusche überwiegend Bleistift und schwarze Kreide, gleichsam gezoomt.

Sitzende und stehende Badende in Tub oder Badende im Raum (beide um 1914) sind Skizzen, die ins Atelier der Brücke-Maler führen. Sie sind exemplarisch für die Malerei dieser Künstlervereinigung, die mit Expression und Abstraktion die sich beschleunigende Bewegung über das Zweidimensionale der Fläche zeichnerisch und malerisch festzumachen suchte.

In Portraitstudien wie Weibliches Portrait (Gerda Schilling) und Portrait Lise Gujer zeigt sich bemerkenswert, wie Kirchners souveräne Handhabung der Feder über die Jahre – die Zeichnungen sind mit 1915 und 1927 datiert – nichts von ihrer Visualsierungskraft eingebüßt hat.

Der dritte Ausstellungsraum, Teil der ehemaligen Heilig-Geist-Kirche mit Holzkassettendecke, strapaziertem Echtholzparkett und den erhaltenen gotisierenden, bis auf den Boden reichenden Giebelfenstern, beleuchtet Kirchner zeichnet auf besondere Weise. Wir brauchen einen direkten Weg vom Leben zum Gestaltungsraum ist ein Statement Kirchers an der Wand zu lesen. Raum und Zeichnungen verbinden sich zu einer Resonanz aufmerkenden Sehens.

Kaleidoskopartig figurieren badende Akte am Strand auf Fehmarn. Solche Freiluft-Orte sind für Ernst Ludwig Kirchner Inspirationsquelle, dem Freien, Offenen und Jungfräulichen seiner Sujets am nahesten zu kommen. In Sich Waschende (1930) und Kniendes nacktes Mädchen (1931) reduziert Kirchner Bewegung auf ein minimalistisches Formenrepertoire. Verhalten still und dynamisch bewegt zugleich.

Kirchner zeichnet in Borken kann für den geneigten Ausstellungsbesucher, insbesondere in Nordrhein-Westfalen, ein anregender Ausgangspunkt sein, um auf kurzem Weg ins Von der Heydt-Museum Wuppertal in der noch bis zum 28. Februar 2016 laufenden Ausstellung Weltkunst – Von Buddah bis Picasso (vgl. Weltkunst in Wuppertal – Von Buddha bis Picasso, vom 15.10.2015, hier veröffentlicht) zu sehen, wie aus Zeichnung Malerei wird. Sein Gemälde Vier Badende (1909/10) ist die malerisch Gestaltung zeichnerischer Skizzen, wie auch gleichzeitig Anregung für spätere Zeichnungen.

 Nichts deutet in Kirchner zeichnet bis zum letzten Aquarell der Ausstellung Landschaft mit Haus von 1938 auf seinen Freitod im selben Jahr hin. Selbst sein idyllischer Wohnort im schweizerischen Davos konnte offenbar die tiefen seelischen Verletzungen, durch die sein Werk in der nationalsozialistischen Anti-Kultur als entartet diffamiert wurde, nicht heilen. Ich muss zeichnen bis zur Raserei, gab er einmal zu Protokoll. Bis ihn die Raserei, anders als gemeint, tragisch in den Tod katapultierte.

23.02.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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