Weltkunst in Wuppertal – Von Buddha bis Picasso

Eduard von der Heydt als "Buddha vom Monte Verità", um 1930 Foto: Privatarchiv

Eduard von der Heydt als „Buddha vom Monte Verità“, um 1930 Foto: Privatarchiv

Der Bankier und Sammler Eduard von der Heydt zählt zu schillerndsten  Persönlichkeiten des 20.Jahrhundert. Er besaß mit 3.500 Werken der klassischen Moderne und Avantgarde-Kunst sowie mit außereuropäischen Objekten, insbesondere asiatischen, religiös bestimmten Reliquien die größte private Sammlung weltweit.

Obwohl er bevorzugt in Berlin, Amsterdam, Ascona und Zürich lebte, hat er seine Heimatstadt Wuppertal nie vergessen. 1952 übergab er in einem Schenkungsvermächtnis der Stadt Wuppertal einen Großteil seiner Kunstsammlung. Gleichzeitig schenkte er den Sammlungsbestand außereuropäischer Werke als Grundstock dem im gleichen Jahr gegründete Museum Rietberg Zürich.

Wenige Jahre vor seinem Tod stiftete er dem Städtischen Museum Wuppertal nicht nur weitere Gemälde, er vermachte ihm auch fünf Millionen Mark für die Finanzierung des Museumsbetriebs und für Neuerwerbungen. Als Anerkennung für sein mäzenatisches Wirken für Wuppertal wurde das Museum in Von der Heydt-Museum umbenannt.

Nachdem von der Heydts Sammlung 2013 in Zürich zu sehen war (Wege, Abwege und Irrwege – Die Sammlung Eduard von der Heydt im museum rietberg zürich, v. 19.07.2013), beeindruckt  sie jetzt erstmals in seiner Heimatstadt mit einer Auswahl von 350 Objekten unter dem Titel Weltkunst – Von Buddha bis Picasso (noch bis 28.02.2016).

Dabei ist die Wuppertaler Ausstellung keine Züricher Neuauflage, sondern ein überzeugender Beweis der kooperativen Kraft beider Museen, von der Heydts Leben und Wirken für die Kunst umfassend zu würdigen. Der Kuratorin Antje Birthälmer ist in konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Direktor Gerhard Finck eine Ausstellung gelungen, die die Qualität der Arbeiten in einer stilsicheren  Ausstellungsarchitektur eindrucksvoll präsentiert.

Von der Heydts Ausstattung seiner Wohnungen, des Cafés MULURU in Zandvoort oder des Hotels in Ascona auf dem Monte Veritá mit Werken aus seiner Sammlung wird in der Ausstellung räumlich und inhaltlich unmittelbar nachvollziehbar. Großformatige Fotografien der Räume, die dokumentieren, welche Gemälden an den Wänden hingen, wie Skulpturen die Raumästhetik bestimmten oder wie kleinere Objekte einen Schreibtisch zu einer Miniaturausstellung machten, rekonstruieren einzelnen Räumen in Wuppertal.

In dem lichten Glas-Dach-Raum, der dem ehemaligen Speisesaal des Hotels Monte Verita nachempfunden ist, möchte man am liebsten sofort Platz nehmen und bei einem Glas Wein die Kunst genießen. Werke von Pablo Picasso, die dort neben denen von Henri Toulouse-Lautrec und Edvard Munch hingen, hängen jetzt in der Ausstellung an eben jenen Plätzen. Mehr Authentizität geht nicht, um dem Buddha vom Monte Veritá Eduard von der Heydt nahe zu kommen.

Gelegen auf dem legendären Berg der Wahrheit, in den 1920ger Jahren Zentrum der Lebensreform-Bewegung, schuf von der Heydt einen Ort, wo sich Menschen geistig und künstlerisch austauschen konnten.

In allen Ausstellungsräumen ist der Geist der Avantgarde von der bildenden Kunst über die außereuropäische Handwerkskunst bis zur Architektur im Zusammenklang mit von der Heydts Atem zu spüren. Betritt man den Zandvoort-Raum, leuchten großformatige Lichtbildkästen die rekonstruierte Glasloggia (nach einer Fotografie von Erich Salomon) mit dem Blick auf das Meer aus. Auf dem Fenstersockel steht Georg Kolbes Bronze-Skulptur Junge Frau (1926) neben einer Stehenden Madonna (Holz, 12.Jahrhundert) sowie eine Holzarbeit des Heiligen Georg aus dem 15.Jahrhunderts.

Im Raum nebenan schaut man in den Salon des Hauses und findet sich zurück gebeamt zu den Besuchern von der Heydts in das Jahr 1930. Vincent van Goghs Gemälde Kartoffelsetzen (1884) flankiert von einem Kopf des Bodhisattva Lokeshvara aus dem Kmehr-Reich (12.Jahrhundert) und einer Madonna mit Kind (Deutsch, Anfang 13.Jahrhundert, Holz) sowie vom Kopfteil eines Sarges (Ägypten, 1.jahrhundert v. Chr.) ist entsprechend original korrespondierend zu sehen. Weltkunst als ars una miteinander im Gespräch.

Schon nach wenigen Räumen steht man nicht nur staunend vor der qualitativen Vielfalt der Sammlung. Sie übt gleichzeitig einen Sog aus, der über die Wahrnehmung der Arbeiten in ihrem konzeptionellen Kontext weit hinaus reicht. Die exklusive Persönlichkeit des Sammlers macht den Besucher zu einem späten Gast. Es öffnen sich Türen und Räume, die Geschichten von Kunst und Leben erzählen. Kunstgeschichte eingebettet in Zeitgeschichte.

Auch der dunkle Schatten, der mit von der Heydts Verstrickungen mit dem NS-Reich auf ihm lastet, wird nicht ausgespart. Man mag es als staunenswertes Geschick eines gewieften Bankiers (Flussdiagramm der  Finanztransaktion in der Strafsache Dr. Ed. Von der Heydt u. Consorten, Juni 1946, Schweizerisches Bundesarchiv Bern, Katalog Seite 313) oder als Spiel mit dem Feuer nennen, das Menschen ihrem Todesschicksal entriss, es bleiben bis heute Antworten offen. Es ist deshalb außerordentlich begrüßenswert, dass das Von der Heydt-Museum am 23./24.Oktober 2015 ein Symposium durchführen wird, um die komplexe Persönlichkeit Eduard von der Heydts zeitgeschichtlich neu zu bewerten.

Der opulente, gleichwohl informative und kenntnisreiche Katalog ist ein Kompendium der Kunstgeschichte, das für den interessierten Ausstellungsbesucher  in der Verbindung von fotografischer Vorlage, Raum-Rekonstruktionen und den Ausstellungsobjekten jenseits seines kunstwissenschaftlichen Werts ein erfrischender Text-Bild-Begleiter ist.

Die Welt ist für alle, zitiert von der Heydts Händler für seine asiatischen Sammlungsstücke, Li Shiu Tong 1933 im Gästebuch des Mone Verità Confucius. Die Welt sollte deshalb unbedingt nach Wuppertal ins Von der Heydt-Museum kommen

15.10.2015

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