Michal Rovner setzt mit Current die Mischanlage in Essen unter Strom

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Wenn über den Strukturwandel des Ruhrgebiets gesprochen wird, sind Bezeichnungen wie Kathedralen der Industrie, Entdeckungsräume oder Orte mit kulturellem Potenzial  manchmal etwas hilflos anmutende Beschreibungen und Zuschreibungen zugleich. Kaum jemand, der so einen Ort betritt hat, kann sich seiner Faszination entziehen. Leer geatmet, urgewaltig still verweilend,  laden sie geradezu dazu ein, sich dieser Räume zu bedienen, ihre von handfester Arbeit zer- schrundenen Oberflächen dem Leben zurückzugeben. Sie als Projektionsfläche des Heute zu nutzen, eine organische Verbindung mit dem Gestern herzustellen.

Die israelische Künstlerin Michal Rovner hat in der Mischanlage der ehemaligen Kokerei Zollverein Essen im Rahmen der Ruhrtriennale 2012 eine Videoinstallation von inspirierender Kraft  installiert. Mit Current projiziert sie auf die riesigen Wände der Mischanlage einen Malstrom von Menschen in kreisenden, auf- und absteigenden Bewegungen. Aus dem über mehrere Stockwerke tief reichenden Grund der zentralen Schütteinrichtung fallen und steigen scherenschnittartig verformte Wesen wie in einen zyklischen Grundmodus des Seins. Die menschliche Figur zerfließt in einem Meer grauer Farbtupfer, um im nächsten Moment gleichsam vom Grund aus wieder als menschliche Wesen „aufzusteigen“. Oder sie finden sich an den Wänden zu Gruppen zusammen, die wie Lemminge einer vorgegebenen Richtung folgen. Als Subjekte nicht identifizierbar, verloren in einer grauen Menschenmasse bewegen sie sich zeitlupenhaft auf ein imaginäres Ziel zu. Current, ein Fließen in der Zeit, aufgeladen mit Energie, die sich scheinbar selbst genügt. Keinem Zweck verpflichtet. Allein Bewegung, begleitet von schwermütig tragischen Geräuschen und Klängen. Es ist, als betrachtete man sich in diesem ständigem Auf und Ab wie in einem Spiegel seines Selbst.

Angesichts von Rovners Bildwelten in der Mischanlage melden sich die uralten Fragen nach der eigenen Identität, formuliert als causa sui der Existenz. Gefühle von Verlorenheit und Verlassenheit, die sich durch die Menschheitsgeschichte wie ein endloser Faden ziehen, suchen deshalb immer auch Schutz. Orte religiöser  Anbetung wie Kathedralen oder Tempel bedienen dieses Bedürfnis. Sind die durch künstlerische Gestaltung und Intervention umgewidmeten Industriekathedralen die neuen Schutzräume, die uns die Chance geben, uns selbst zu entdecken?

Kunst ist der Wirklichkeit immer ein Stück voraus. Und in ihrem Schlepptau führt sie Ermöglichungsräume mit. Zum Beispiel Current in der Mischanlage Essen noch bis zum 30.09.2012

Photo streaming: Current

24.09.2012

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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