Ein Vollbluttheaterabend – Woyzeck am Theater in Aachen

Foto: Ludwig Koerfer

Dafür, dass das, was auf der Bühne im Theater Aachen mit Georg Büchners Woyzeck von 1823 in Szene gesetzt wird, sich nicht aus dem Heute dieses 22.November 2012 davonstehlen kann, sorgt nicht zuletzt eine dramaturgisch wohl durchdachte Lichtgestaltung von Eduard Joebges. Über die wie ein Richtungspfeil auf die Zuschauer zielende Bühne werden verbindende Lichtpunktanker gesetzt. Schatten wischen durch den Zuschauerraum, so als suchten sie nach Unterstützern, die Menschenwürde gegen das Brutale, das Gewalttätige würden verteidigen können. Woyzeck und Marie haben ein Kind; aber kein Geld. Was tun, wenn es wenig Möglichkeiten gibt? Woyzeck versucht, mit dem Militär anzubandeln; Marie sucht Geld und Glück auf der Straße. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Am Ende wird Woyzeck Marie umbringen. Das Ende eines verzweifelten Versuchs, in einer, wie Woyzeck resigniert, schlechten Welt glücklich vor Anker gehen zu können.

Bernadette Sonnenbichler inszeniert Woyzeck in der Fassung nach Robert Wilson  und mit Songs von Tom Waits  als ein choreografiertes Figuren-Raum-Spiel von Schauspielern und Musikern, in dem das Publikum Schatten werfend mittanzt, als wäre es Teil des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer heute. Wenn Woyzeck am Ende fragt: „Wo ist mein Schatten?“, rekapituliert er resignierend nur das larmoyante, seine sich selbst rechtfertigende Unfähigkeit zu lieben: Die Welt ist schlecht! Allein mit der Figur des sanftmütig naiven Karl, von Felix Strüven als fool on the hill in der Tradition von commedia dell’arte gestisch eindrucksvoll gespielt, ist Hoffnung auf eine bessere Welt verbunden. Aber die leise Hoffnung hat angesichts der laut eskalierenden Gewalt keine Stimme.

Leicht hätte sich aus dieser Perspektive ein Spiel fader, langweiliger, psychologisierender Agitationsmetaphorik entwickeln können. Aber es wurde ein überraschender Theaterabend in mehrfacher Hinsicht. Die Generation der 18 – 20jährigen füllte mehrheitlich das Theater und bildete mit den jugendlichen Schauspielern und Schauspielerinnen, wie es schien,  eine innere Schicksalsgemeinschaft. Es ging um ihre Sache, verhandelt in ihrer Sprache, kommentiert in Pop-Songs. Zwei Stunden Vollblut-Theater füllte in atemloser Spannung den Raum. Ausgehend von Büchners Manuskript, von ihm auf losen Seiten kurz vor seinem frühen Tod in fiebrigen Schreibstößen skizziert, als am Beginn des 19.Jahrhunderts ein aufgeklärtes Bürgertum anfing, sein neues gesellschaftliches Selbstbewusstsein öffentlich zu zeigen und gleichzeitig die Lebensbedingungen für diejenigen, die nichts hatten, immer härter wurden, verbindet die Inszenierung mit der Wilson’schen Dramaturgie und den Waits-Songs kulturelle Entwicklungslinie des letzten Drittels des 20.Jahrhunderts, die bis ins Heute reichen. Laut, direkt, cool und gleichzeitig zärtlich gestimmt in Sehnsucht nach Liebe. Vielleicht war es diese Mischung aus Büchners fast 200 Jahre altem Text, dem es in seinem direkten, zeitlosen Sprachduktus, in Verbindung mit instinktsicher gesetzten Textaktualisierungen und einer musikalischen Stimmigkeit zwischen Melancholie, Trotz, Radikalität und Hoffnungslosigkeit gelang, eine irritierende Gefühlsunsicherheit zu erzeugen. Sie aber nicht als absurd groteske Vergangenheitsgeschichte zu beklagen, sondern unverschämt nüchtern zu zeigen, dass Wunsch und Wirklichkeit nah und fern zu gleich sein können, war das konsequente Ergebnis eines überzeugend agierenden und singenden Ensembles. Schauspielende Sängern waren gleichzeitig auch gleichwertig im nächsten Moment singende Schauspieler. Philipp Manuel Rothkopf spielt den Woyzeck als einen unreifen, unglücklichen und brutalen Menschen, der zwar manchmal laut tönend, dann wieder philosophisch aufgeblasen salbadernd nicht in der Lage ist, Verantwortung für andere und für sich selbst zu übernehmen. Mit seinem Gesang skizziert er in betonter Rotzigkeit die Verlassenheit Woyzecks.  Nadine Kiesewetter schafft es in ihrer Darstellung der Marie, pop-kulturelle Assoziationen von Twiggy bis Amy Winehouse weckend, eine Authentizität zu erzeugen, wo Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit ihre Bedeutung verlieren. Beim Gesang von Thomas Hamm, eindrucksvoll in der Rolle des Andres als Verführer, Vergewaltiger und Zuhälter, ist es mitunter so, als sänge Tom Waits selbst. Das ist nicht Kopie sondern Gestaltung in Echtzeit. Im Laufe des Abends entwickelt das Spiel einen Sog von Gefühlen und Emotionen, die keine Zeit zum Zurücklehnen und Armverschränken erlauben. Als die Bühne sich verdunkelt, ist das Theater für  Momente von beklemmender Stille erfüllt. So als würde der Atem stocken, bevor man wieder nach Luft schnappen kann. Der sich dann enthusiastisch entladende Jubelstau  war noch Minuten später auf dem Weg nach draußen bei den überwiegend jungen Leuten fast körperlich spürbar. Mit einem solchen Theater braucht uns um die Zukunft nicht bange zu sein.

24.11.2012

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Über Peter E. Rytz Review

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