Die Provenienz Moderner Meister als kulturgeschichtliche Erzählung

@ Peter E. Rytz

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Im Kunstmuseum Bern ist derzeit folgende, für eine Kunstausstellung ungewöhnliche Konstellation zu erleben: Im leicht abgedunkelten Ausstellungsraum sieht man Ausstellungsbesucher über Informationskuben gebeugt, konzentriert lesend. Wechselnde Blicke zwischen Text und Bild, respektive Skulptur.

Mit der Ausstellung Moderne Meister. „Entartete“ Kunst im Kunstmuseum Bern (noch bis 21. August 2016) befragt das Museum seine Sammlungsgeschichte nach der Provenienz von Kunstwerken, die zwischen 1933 und 1945 von den deutschen Nationalsozialisten als entartet diffamiert, aus ihren Museen entfernt und beschlagnahmt wurden. Das Kunstmuseum Bern besitzt 525 Arbeiten von 99 Künstlerinnen und Künstlern, die nach 1933 ins Museum gekommen sind.

Die Ausstellung ist aber mehr als nur eine öffentlichkeitswirksame Offensive des Kunstmuseums Bern im Zusammenhang mit dem Erbe der Gurlitt-Sammlung. Sie ist auch, den politisch historischen Kontext berücksichtigend, mehr als nur kunstgeschichtlich interessant. Mit ihr wird Welt-Geschichte transparent und nachvollziehbar. Insofern ist die Ausstellung ein Bildungsangebot, das über kunstgeschichtliche Aspekte weit hinaus weist.

Das Kunstmuseum Bern öffnet auf dem Hintergrund der auch von der Schweiz unterzeichneten Washington NS-Raubkunst-Richtlinie von 1998 Türen zur kritischen Auseinandersetzung darüber, wie mit Kunstarbeiten Stabilität und Funktionalität einer Demokratie sichtbar gemacht werden können. Im Katalog, der mit profunder, differenzierter Recherche den Charakter eines äußerst lesenswerten Studienbuches hat, ist selbstbewusst zu lesen: Wir zeigen diese begeisternde Sammlung Moderner Meister auch im Bewusstsein, dass wir sie deshalb zeigen können, weil die Schweiz ein freies, demokratisches Land war, blieb und ist.

Eindrucksvoll zeigt die Ausstellung, wie die Nazi-Diktatur mit ungeheuerlichem Zynismus einerseits nicht nur davor zurückschreckte, pseudobiologisch Kunstwerke als entartet an den Pranger zu stellen sowie ihre Schöpfer als artfremde Menschen auszusortieren und andererseits gleichzeitig die Arbeiten als Moderne Meister auf dem Kunstmarkt anzupreisen, um sie devisenbringend zu verwerten.

Der Berner Ausstellungstitel Moderne Meister nimmt absichtsvoll Bezug auf die Auktion Gemälde und Plastiken Moderner Meister aus deutschen Museen, die am 30. Juni 1939 in der Galerie Fischer in Luzern stattfand und in deren Folge letztlich sieben Arbeiten nach Bern gekommen sind.

Im Vergleich mit den genannten mehr als 500 Arbeiten zwar nur ein kleiner aber durchaus brisanter Teil. Dass die Ausstellung nach dem derzeitigen Kenntnisstand offenlegt, wie rechtmäßig sicher oder eben auch unsicher einzelne Kunstwerke als Museumsbestand zu bewerten sind, macht sie für den Besucher zu einer informativen und spannenden Entdeckungsreise. En passant impliziert sie eine Erfahrung, die Kunst für jeden Betrachter als eine solche mit unbekanntem Ausgang deutlich macht.

Gleichzeitig erhellt die Exposition das Selbstverständnis vermögender Bürger, mit privaten Stiftungen und Legaten den Sammlungsbestand des Museums zu stärken und welcher Mehrwert durch Kunst entsteht und welche Geschichten sie erzählen kann.

Franz Marcs Blaues Pferd II von 1911  erzählt eine solche aus verschiedenen Perspektiven. Als Bild in der Ausstellung ist es in seiner Farblichkeit und in seiner verschränkten Gestaltung in der Fläche sinnlich wahrnehmbar. Andererseits erzählt die Provenienz davon, dass es von 1911 bis 1936 im Wallraff-Richartz-Museum in Köln hing, dort als entartet beschlagnahmt, anschließend ins Depot Schloss Niederschönhausen Berlin gebracht und später von Othmar Huber über die schon erwähnte Galerie Fischer gekauft wurde. Im Katalog ist das Bild auf einer Fotografie des Treppenhauses von Hubers Privathaus zu sehen, wo es jahrelang Teil des Interieurs war. Mit dem Tod von Huber gelang es als Teil der Stiftung Othmar Huber als Depositum ins Kunstmuseum Bern.

Die großformatige Malerei Alpsonntag. Szene am Brunnen, Öl auf Leinwand, 1923 – 25 von Ernst Ludwig Kirchner, welche die Ausstellung spektakulär eröffnet, erzählt eine weitere Geschichte. Kirchner ist anders als viele verfemten Künstler, die Deutschland erst nach 1933 verließen, schon früher nach Davos in die Schweiz emigriert. Im Inventarbuch des Museums ist vermerkt, dass Alpsonntag 1933 ohne Umwege angekauft wurde. Scheinbar fern der nationalsozialistischen Entartungsorgien in Davos, wo man, so Kirchner in politischer Abstinenz, nie von Politik hört, war in seiner unmittelbaren Nachbarschaft doch eine Ortsgruppe der Auslandsorganisation der NSDAP-Vertreter angesiedelt.

Das Ideologem entartet warf lange Schatten auch dort, wo man sich sicher glaubte. Die Geschichte der sogenannten Geistigen Landesverteidigung, eine Beschwörung schweizerischer Werte und ihrer Verteidigung, mit der man sich gegen die Nazi-Gefahr zu wappnen suchte, ist nicht ohne Widerspruch. Die Avantgarde Moderner Meister wurde mehr oder weniger aus dem offiziellen schweizerischen Kunstbetrieb ausgegrenzt und war wenig zu sehen.

Kaum jemand wird zur Geschichte der Kunst im Althertum von Johann Joachim Winckelmann greifen, um systematisch zu erkunden, wie der Begriff der Entartung in der Kunst, der schon in der griechischen Kultur verwendet wurde, seine pathologische Umwertung durch die Nazis erfuhr. Der Verdienst der Ausstellung zusammen mit dem Katalog-Studienbuch ist es, Aspekte einer reflektierten Geschichtsbetrachtung in einer Kunstausstellung subtil, informativ, nie vordergründig polemisch, akribisch zusammengetragen zu haben.

15.07.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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