Die Tagebücher des Georg Baselitz

Baselitz-Ausstellung, Fondation Beyeler Basel © Peter E. Rytz 2018

Als Heinz Holliger im Zusammenhang mit seiner in Frühjahr am Opernhaus Zürich uraufgeführten Oper Lunea (Holligers Strandläufer Lenau am Meer der Ewigkeit vom 09.03.2018, hier veröffentlicht) gefragt wird, warum sein kompositorisches Schaffen immer wieder um Künstler kreist, die dem Wahnsinn verfallen waren, antwortet er: Sie sind nicht von Konventionen gefesselt. Ihre Gedanken entwickeln sich ganz frei ins Kosmische.

Baselitz‘ Idee einer anderen Malerei im Streit um das Primat von informeller Abstraktion oder figurativem Realismus um 1960, wesentlich inspiriert von Antonin Artaud, scheint auf einem ähnlichen Grund zu basieren. Dass in der von Baselitz  zusammen mit seinem Kommilitonen Eugen Schönebeck herausgegebenen anarchisch-expressionistischen Streitschrift Erstes Pandämonisches Manifest von 1961 Texte von Artaud  eine Rolle gespielt haben, deutet Hintergründe und Perspektiven von Baselitz‘ Werk als musée imaginaire an.

In der Fondation Beyeler Basel zeigt die aktuelle Baselitz-Ausstellung (noch bis 29. April 2018), die sein malerisches und skulpturales Werk in den Mittelpunkt stellt, wie er seine künstlerische Start-Position gefunden und sie variantenreich bis heute entwickelt hat. Als sich in seinen Anfängen kaum jemand für zeitgenössische Malerei interessiert hat, man das Figürliche als unzeitgemäß weitgehend ablehnt, wird für ihn die Figur zentral.

Wo andere wie Jörg Immendorff den bildenden Künstlern zuruft, Hört auf zu malen! oder, wie Schönebeck, der vor fast 50 Jahren tatsächlich aufgehört hat zu malen und seitdem schweigt – als der bekannteste Unbekannte der deutschen Kunstwelt, hat ihn vor Jahren Die Zeit bezeichnet -, löckt Baselitz lustvoll den Stachel der Provokation.

Der selbstzufriedene Mief, den die westdeutsche Wohlstandskonjunktur nach dem 2. Weltkrieg produziert, malt die Erinnerung weiß. Baselitz durchkreuzt mit seiner tachistisch inspirierten Farbfleckenmalerei der frühen Jahre dieses Weißgeschönte und in Folge beispielsweise mit Das Kreuz, 1964  bis dahin verlässliche Wahrnehmungen. Mit einer neuen Lust am Zeichenhaften lässt er das von ihm offenbar so empfundene Elend der Malerei hinter sich.

In der Ausstellung kann der Besucher mitunter von einer suggestiven Verunsicherung heimgesucht werden. Knallt die Peitsche von Die Peitschenfrau (1964/65) nicht gerade laut vernehmlich? Narrt mich Der Narr von San Bonifacio – od. Ludwig Richter auf dem Weg zur Arbeit (1965) und führt mich morgen auf ungewohnten Wegen zur Arbeit?

Baselitz findet einen Weg aus der malerischen Sackgasse. Er beginnt seine Bilder zu ironisieren und zu intellektualisieren. Am Ende stellt er sie einfach auf den Kopf. Die Versatzstücke der schönen neuen Welt fallen den Menschen aus dem Fertigbetonwerk (1970) auf den Kopf. Je länger man mit schiefem Kopf Orientierung in Baselitz‘ Bilderkosmos sucht, verstellen Orangenesser (1981) und Trinker mit Glas, beide 1981 elementare Genusswege.

Vor Weg vom Fenster (1982) stellt sich die Frage: Abwenden vom genormten Fensterblick oder wann, wie und wo bin ich weg vom Fenster?

In dem die Ausstellung begleitenden Film-Interview desillusioniert Baselitz solche mehr oder weniger tiefgründigen Wahrnehmungsreflexionen. Die Idee von einer besseren Welt habe er im Laufe der Zeit vollständig aufgegeben und sich von seiner intellektuellen Vergangenheit mit den sogenannten Heldenbildern der 1960er Jahre verabschiedet. Meine Bilder sind meine Tagebücher. Die eigene Welt, die Familie; das reicht mir heute völlig aus.

Aber die Vergangenheit ist für ihn trotzdem nicht wirklich vergangen. Im wert- und inhaltsvoll gelayouteten Katalog macht Carla Schulz-Hoffmann auf Erinnerung, Experiment und Erneuerung als Motor seit den 1990er Jahren in Baselitz‘ Remix-Arbeitsphase aufmerksam. Wie Das angesammelte Zeug wie in Gärung ist und rumort und raus will (Baselitz 1993), trotz alledem – Die große Nacht im Eimer, 2005 -, nichts im Eimer ist, davon erzählen die Bildfolgen Knaben (1998) bis zum Remix Ein moderner Maler (2007).

Mit welcher Kraft der 80jährige Baselitz einerseits abgeklärt – zurechtkommen mit den Umständen, die einen im Alter einholen – und andererseits radikal rücksichtslos dem Alter widersteht, sich selbst und seine Frau Elke in fragiler Balance ausstellt, zeigen die Bilder seit 2013 mit ironischem Understatement. Ob Mein well reum richt macht von 2013 ein endgültiger Abschied vom Vertrauten – Avignón ade, 2017 – ist oder nur die fiktionale Ausfahrt – Wir fahren aus, 2016 – eines kampferprobten Paares – Dystopisches Paar, 2015 – illustriert, bleibt am Ende als Frage, wie er sie 2016 stellt, aktuell: Wer alles? Was alles?

Im Untergeschoß der Fondation Beyeler signiert das mehrteilige Werk `45 von 1989 einen surrealen Kontext im Zusammenspiel von Malerei, Skulptur, Zeichnung und Holzdruck. Der Werk-Zyklus bildet gleichzeitig das Entrée für Alexander Kluges Hommage für Georg Baselitz mit der Video-Installation Parsifal Kontainer 2018.

Georg Baselitz ´45, 1989 (Ausschnitt) © Peter E. Rytz 2018

Kluges 85. und Baselitz‘ 80. Geburtstag 2017/18 haben vielfach Gelegenheit gegeben, die beiden Giganten der Kunst nach 1945 in ihren das Werk des anderen seit Jahrzehnten begleitenden Reflexionen als work in progress bis Basel 2018 zu erleben.

Es scheint, als würde Baselitz‘ Werk Kluges Diktum Die Vernunft ist ein Balance-Tier (Kluges kluges Pluriversum vom 28.11.2017, hier veröffentlicht) auch über 2017 hinaus Bis auf weiteres, 2017 immer mal wieder kreuzen.

Am Ende der Ausstellung bleibt ein Rest, ein Nimbus des letztlich Unbegreiflichen. Die Welt steht, so scheint es, mehr Kopf als je zuvor.

03.04.2018
photo streaming Georg Baselitz, Basel 2018

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